Wer sind die Brambrillas

WIR SCHREIBEN KINDERGESCHICHTEN UND DENKEN UNS IMMER WIEDER ETWAS NEUES AUS. WIR ZEICHNEN UND FOTOGRAFIEREN. MAL ZUSAMMEN, MAL JEDE FÜR SICH. BASTELN, FILOSOFIEREN UND KOCHEN TUN WIR AUCH GERNE. WIR MÖGEN TIERE UND DAS MEER. DIE NATUR LIEGT UNS AM HERZEN UND DIE FREUDE DARAN WOLLEN WIR MIT EUCH TEILEN.

13. September 2015

Herbstsonne der blättrigen Art

Ihr Lieben 
Es herbstelt, denn die ersten Blätter färben sich wunderprächtig ein. Aus Grün wird Gelb, Rot, Hellbraun, Orange und Violett. Wenn ihr das nächste Mal in den Wald oder in den Park geht, sammelt ein paar gelbe Blätter und legt euch die Sonne zu Füssen. 


6. September 2015

Linus ist nicht gleich minus

Linus ist vier Jahre alt und wenn seine Schwester Pia ihm den Ball zuwirft, kann er ihn schon ganz gut fangen. Beim Laufen und Sprechen hat er Probleme, aber das wird er auch noch lernen. Fürs Anziehen, fürs Essen braucht er mehr Zeit als Pia oder die meisten Kinder in seinem Alter. Manchmal verliert Pia die Geduld, aber das passiert Mama und Papa auch. 
„Gemeinsam werden wir es schon schaffen“, meinen Mama und Papa zuversichtlich. 
Schwierig ist es immer dann, wenn Erwachsene oder Kinder, die Linus nicht kennen, ihn anstarren. Am Schlimmsten ist es, wenn Linus im Laden plötzlich los schreit und nicht mehr weiter will, und keiner versteht genau, weshalb. Auch wenn Pia Linus wirklich lieb hat, ist er ihr in solchen Momenten nur peinlich. 
Manchmal streitet Pia mit Linus, obwohl sie das gar nicht möchte. Doch Linus ist dann so nervig, wie andere Brüder eben auch. 
Er singt gerne laut und fröhlich, wenn sie im Stau stehen, Mama Kopfweh hat oder Pia am Sonntag länger schlafen will. Linus muss immer wieder alle Zahlen aufzählen, die er kennt. Und da er sich nur die Zahlen von eins bis sieben merken kann, ist es auf Dauer sterbenslangweilig, ihm zuhören zu müssen. Seine Lieblingszahl ist die Null und die schreibt er überall drauf  Am liebsten auf Pias Zeichnungen oder auf die Wände ihres Zimmers. Er spült ihren Goldfisch das Klo runter, damit dieser ins Meer zurückkann. Dann schreit Pia wie Linus, aber zumindest verstehen Mama und Papa, wieso sie schreit. An solchen Tagen, wenn es ihr mit Linus zu viel wird, klettert Pia in ihr Baumhaus, das Papa nur für sie gebaut hat, um ungestört zu sein. Linus rennt ihr nach und hält die Arme zu ihr hoch. 
„Linus ist eine Null! Nein, noch schlimmer! Linus ist gleich minus! Geh weg!“, schreit sie ihren kleinen Bruder wütend an und bereut es sogleich, wenn er weint, weil er nicht verstehen kann, wieso Pia böse auf ihn ist. 
Linus braucht nur „piep“ zu machen und schon rennen alle zu ihm. Pia kann machen, was sie will, Linus kommt immer zuerst. 
„Hey, ich bin auch noch da!“, möchte Pia von ihrem Baumhaus aus in die Welt rufen, aber sie lässt es bleiben, weil ihr Papa erklärt hat, dass Linus den Weg aus Mamas Bauch nicht so schnell gefunden hat und daher etwas mehr Zuwendung von ihnen allen braucht, um sich nun in der Welt zurechtzufinden. 
Als Mama am Abend in Pias Zimmer vorbeischaut, um gute Nacht zu sagen, zieht sich Pia traurig die Bettdecke über den Kopf und schweigt. 
„Was ist denn meine Grosse?“, fragt Mama besorgt und setzt sich zu ihr aufs Bett.
„Ich will nicht, dass Linus so ist wie er ist. Das macht mich traurig!“, murmelt Pia unter der Decke.
„Am Anfang waren wir auch traurig, aber jetzt haben wir Linus lieb so wie er ist“, sagt Mama und kneift Pia sanft in die Nase. 
„Steck ihn zurück in deinen Bauch zur Reparatur und dann holen wir ihn wieder gesund raus“, sagt Pia stur.
„Ach, Pia“, antwortet Mama schmunzelnd, als draussen ein Paukenschlag ertönt.  
Mama und Pia schauen vom Fenster aus auf Papa und Linus, die in ihren gelben Regenmänteln ein Verscheuchkonzert veranstalten, um die Regenwürmer, die Linus am liebsten von allen Tieren mag, vor den Spatzen zu retten. 
„Siehst du?“, sagt Mama lächelnd, „Wenn Linus nicht Linus wäre, wer würde uns dann so zum Lachen bringen? Stell dir vor, er wäre immer so schlecht gelaunt wie dein Cousin Otto!“
Pia verzieht das Gesicht: „Griesgram Otto als Bruder. Das wäre das Allerallerschlimmste! Linus ist nicht gleich minus, denn er zeigt mir die Welt wie kein anderer. Wir tanzen zum Traktorentakt des Bauern, staunen darüber wie schön die Regentropfen nach einem Gewitter im Spinnennetz funkeln oder wir zählen die schwarzen Punkte der Marienkäfer“, sprudelt es aus Pia, als sie an all die schönen Dinge denkt, die sie mit Linus erleben und von ihm lernen kann.

Als Mama und Papa am Sonntag unter dem Sonnenschirm liegen und schlafen, beobachtet Linus im Gras liegend eine Ameisenstrasse und zählt die fleissigen Tierchen, die über seinen Zeigefinger krabbeln. Pia legt sich zu ihm.
„Null, eins, zwei, drei, vier, fünf, sechs, null, eins...“, zählt Linus konzentriert.
„Nach der Sechs kommt die Sieben“, erklärt ihm Pia und hebt ihre sieben Finger. 
Ein Marienkäfer landet dabei direkt auf ihrer Nase. Kichernd beginnt Linus, die Punkte auf seinen Flügeln zu zählen.
„Null, eins, zwei, drei, vier, fünf, sechs, sieben.“
Glücklich möchte Pia Papa und Mama wecken, um ihnen zu sagen, dass Linus jetzt bis sieben zählen kann. Doch ihre Eltern schlafen gerade so schön. Sie wird sie später damit überraschen. Linus hält seinen Zeigefinger sanft auf Pias Nasenspitze und der Marienkäfer klettert drauf.
Linus lächelt wie ein Honigkuchenpferd und bringt auch Pia zum Lachen.
„Vielleicht hast du andere Punkte auf deinen Flügeln als ich, aber für mich bist du der schillerndste Käfer von allen“, sagt Pia und beobachtet mit Linus wie der Marienkäfer seine Flügelchen hochklappt und leise brummend zum Himmel schwirrt. 

15. Juni 2015

Tag des Lächelns

Hallo zusammen

Heute feiern wir unser Lächeln! Habt ihr gewusst, dass lächeln die Muskeln lockert und uns glücklich macht. Wenn euch eine Laus über die Leber gekrochen ist, gibt es nichts besseres als die Mundwinkel nach oben zu ziehen und bis über beide Ohren zu strahlen! 53 Muskeln bewegt ihr gleichzeitig beim Lachen. Für ein Mini-Lächeln genügen schon zwei;-)  Lächeln ist ansteckend! Versucht mal grimmig die Stirn zu runzeln, während euch jemand angrinst. Das ist gar nicht so leicht! Also, schenkt heute jedem ein Lächeln!

12. Juni 2015

Igittigitt!

Heute gibt's die Geschichte von Alex, der ab und zu mal was rauslässt, das unserem Näschen nicht ganz mundet. Und ab und dann holt er aus seiner Nase ein Popelchen, das wir nicht ganz so lecker finden wie er. Und rülpsen kann er wie ein Weltmeister... Aber lest selbst. So anderes als wir ist er doch gar nicht;-)


Igittigitt!!!

Alex ist sechs. Er mag Himbeerlimo, Omas Bohnensalat und die Stupsnase seiner Freundin Lisa. Er ist mal nett, mal frech, mal traurig, mal fröhlich, und ab und zu ist er auch igittigitt, denn im Kindergarten trinkt Alex literweise Himbeerlimo und rülpst dann röhrend wie ein Elch. 
Mittags bei Oma isst er kiloweise Bohnensalat und pupst dann im Hallenbad, dass es nur so sprudelt.
Abends schaut er sich mit Lisa gerne Zeichentrickfilme an und bohrt dabei in der Nase rum und dann – na ihr wisst schon.

“Alex, lass das!”, sagt der Papa.
“Weshalb?”, fragt Alex.
“Weil es unanständig ist!”, sagt die Mama.
“Warum?”, will Alex wissen.
“Weil man das vor den anderen nicht tut”, erklärt Lisa naseweis.
“Sagt wer?”, fragt Alex.
Papa und Mama schauen sich überfragt an.

Oma kommt zu Besuch und hat eine Idee.
“Lasst uns in den Zoo gehen. Von den Tieren kann man immer etwas lernen.”
Beim Zooeingang lächelt Lisa Alex entgegen und er weiss nicht mehr, was er sagen soll, schaut nur noch auf ihre süsse Nasenspitze.
“Hallo, jemand zu Hause?”, fragt Lisa und kneift Alex in den Arm. “Komm wir gehen zum Gorilla, den find ich lustig.” 

Quietschfidel popelt der Gorilla in der Nase rum und steckt den frisch beladenen Finger in den Mund. 
“Igittigitt!”, rufen alle. 
Selbst Alex rümpft die Nase.

Das Flusspferd verschlingt hungrig einen Salat nach dem anderen und rülpst dann ohne Scham. 
“Igittigitt!“, ruft nun auch Alex.

Ein Gehege weiter posaunt der Elefant sein Liebesglück in die Welt hinaus und lässt vor lauter Freude einen stinkenden Pupser fahren. 
“Hat er das von dir abgeguckt?”, fragt Lisa Alex und hält sich grinsend die Nase zu.

Und plötzlich findet Alex sein Gepupse-Rülpsen-Popeln gar nicht mehr so lustig und ist ganz still.
“Das ist doch alles gar nicht so schlimm!“, meint Lisa. „Jeder popelt, rülpst und pupst. Mach ich doch auch, aber einfach nicht vor allen Leuten!“ 
Und bevor Alex weiss, wie ihm geschieht, drückt Lisa ihm einen Kuss auf die Wange und flüstert ihm noch etwas zu. Alex nickt und kriegt ganz rote Ohren.
“Na, ihr beiden. Was heckt ihr wieder aus?”, wollen Mama, Papa und Oma wissen.
“Nix!”, antworten Lisa und Alex kichernd und rennen Hand in Hand nach Hause, trinken literweise Himbeerlimo und veranstalten einen Rülpswettbewerb der Extraklasse. 

© 2015 Brambrilla / Isabella und Daniela Cianciarulo

1. Juni 2015

Zucchini Blüte

Wusstet ihr, dass die Zucchinipflanze so schöne gelbe Blüten hat? Unser Kater Raphi jedenfalls findet sie wunderhübsch. Man muss schon genau hinsehen, um sein Schnäuzchen zu entdecken...



29. Mai 2015

Prinz Picobello




Prinz Picobello 

Prinz Picobello sitzt zufrieden in seinem Zimmer
umgeben von einem Spielsachenchaos wie immer.
Ein Feuerwehrauto hier, ein gelesenes Buch dort.
Da kommt des Prinzen Mutter und schimpft mit ihm sofort.

“Spielsachen in die Truhe! Bücher ins Regal!”
Doch Prinz Picobello ist ihre Schelte egal.
“Na schön, du Bengel. Dann gibt’s halt keinen Kuchen, 
den kannst du sonst wo suchen!”

Prinz Picobello denkt sich: “Ich muss hier fort 
und zwar noch heute,
mich langweilen Schloss und Leute.
Er rennt zur Tür, wirft in eine Ecke seine goldene Krone,
denn Prinz zu sein interessiert ihn nicht die Bohne.

“Stattdessen hüpft er auf einem Bein zum Stall,
und nervt das Vieh mit dem königlichen Ball.
Er wirbelt auf Heu und Staub.
“Ich mach, was ich will und stell mich taub!”

Da kommt der Stallbursche mit der Mistgabel,
erblickt das Chaos und fühlt sich miserabel.
“Herrjeh, Chaosprinzen sind eine Plage. 
Glaubt mir, Hoheit, wenn ich‘s euch sage.”

Picobello lacht sich krumm, steigt aufs Ross
und entfernt sich vom öden Schloss.
Er erlebt zig Abenteuer, trifft auf faule Drachen 
und schöne Feen,
badet nackt in eiskalten Bergseen.

Es ist wonniger Mai 
und Prinz Picobello fühlt sich endlich frei.
Da bläst der Wind ein Duft ihm in die Nase – Schokolade!
Die liebt er mehr als Erdbeermarmelade.

Schnell aufs Ross,
galoppierend zurück zum wohl riechenden Schloss.
Am Küchenfenster drückt er die Nase platt.
“Ich sterb vor Hunger, ich fühl mich schon ganz matt!”

Auf dem Tisch – oh Glück! – steht eine Schokoladentorte,
des Prinzen absolute Lieblingssorte.
Picobello schleicht in die Küche, streckt den dreckigen Finger nach dem Schmaus,
doch die Königin entdeckt die freche Laus.

“Finger weg, du rotznasiger Schelm,
sonst kriegst du was auf deinen Helm!
Hast du etwa die Hausregel vergessen?
Für böse Jungs gibt‘s nichts zu essen.”

Der Prinz rennt rauf die Treppe,
zerreisst dabei der braven Schwester die seidige Schleppe.
Wirft alles in die Truhe
und hofft endlich auf Ruhe.

Alles ist an seinem Platz,
sogar die zahnlose Katz.
“Ach, wie langweilig!
Alles so scheinheilig!”

Da schreit der Prinz: ”Ich kusch doch nicht wie eine feige Maus. 
Ich muss hier schnell  wieder raus!”
Und Picobello nimmt alles wieder aus der Truhe,
fertig mit der ordentlichen Ruhe!

Der Prinz rennt runter die Treppe,
zerreisst der Schwester die zweite Schleppe.
“Ich mach Chaos, na und?
Das macht die Welt doch erst bunt!”

Da kommt aus der Küche die Mutter,
mit einem Gesicht wie saure Butter.
“Picobello, du stures Kind, 
verlass das Schloss und zwar geschwind!”

Der Prinz lässt‘s sich nicht zweimal sagen,
im Leben muss man halt was wagen.
Er greift husch zur Torte,
denn er ist – wie wir wissen – von der frechen Sorte.

Er steckt sie in den Sack,
bereit für weiteren Schabernack.
Rennt aus der Küche, rauf aufs Ross,
und sagt “Tschüss!” zum kleinkarierten Schloss.

Picobello ist wahrlich kein frommes Lamm,
aber der Apfel fällt bekanntlich nicht weit vom Stamm...

© Brambrilla / Daniela und Isabella Cianciarulo

22. Mai 2015

Die Geschichte des alten Fischers Yanni, der den Horizont besuchen wollte - Teil 4

Hallo zusammen

Yannis Geschichte geht heute zu Ende. Wir wünschen viel Spass beim Lesen und ein gemütliches Pfingswochenende!



MOBY DICKS URURURURURURURUR-ENKEL


Am nächsten Morgen wollte Yanni aus dem Bett springen, doch seine Muskeln waren steif und er spürte, dass er als alter Mann ins Bett gegangen und als alter Mann wieder aufgewacht war. Er eilte so schnell es ging zu seinem Spiegel. Verwundert berührte er sein gefurchtes Gesicht, unschlüssig darüber, ob er froh oder traurig sein sollte, oder, ob dies ein Zeichen war, nach Hause zu kehren. Nachdenklich ging er wieder an Deck und kontrollierte sein Netz, bevor er es mit einer weit ausholenden Bewegung ins Meer warf. 
Nachdenklich schaute er zum Horizont und hätte wahrscheinlich Stunden so dagesessen, hätte ihn nicht ein junger sich im Netz verfangener Delfin aus den Gedanken gerissen. Schnell holte Yanni sein scharfes Messer hervor, um das Tier zu befreien. 
«Beinahe wärst du erstickt!», sagte Yanni besorgt. 
«Danke Yanni, das werde ich dir nie vergessen!», rief der Delfin erleichtert. 
«Ach was! Bald wirst du dich nicht mal mehr an meinen Namen erinnern.»
«Vielleicht trifft das auf euch Menschen zu. Ich meine, was ich sage. Ich werde mich ein Leben lang an deine Hilfe erinnern», entgegnete der Delfin und schwamm näher ans Boot heran. 
Yanni beugte sich zu ihm runter und strich ihm liebevoll über die Schnauze, was dem Delfin einen freudigen Klicklaut entlockte. 
«Ich bin übrigens nicht zufällig hier. Man hat mir berichtet, dass du den Weg zum Horizont suchst und niemandem glauben willst, dass dein Unterfangen hoffnungslos ist», erklärte ihm der Delfin. 
Yanni kratzte sich verlegen am Kopf. 
«Da mir nicht mehr so viel Zeit bleibt, war ich vielleicht etwas zu verbissen», rechtfertigte er sich. 
«Ich kann dich verstehen. Auch mein Vater hat nach dem Weg gesucht und ihn erst jetzt gefunden», verriet ihm der Delfin. 
Yanni horchte auf.
«Er hat es geschafft?»
«Ja, genau wie deine Eltern. Auch du wirst es schaffen, glaub mir, aber du musst dich noch ein bisschen gedulden», sagte der Delfin und zwinkerte ihm ein letztes Mal zu, bevor er sich auf den Weg machte. 
«Warte!» schrie ihm Yanni verwirrt nach. «Was willst du damit sagen?» 
»Geduld, Yanni. Alles hat seine Zeit», verabschiedete sich der Delfin und bevor Yanni etwas erwidern konnte, verschwand er in den Wellen. 
Yanni blickte ihm nach und wusste in seinem Herzen, dass der Delfin ihm die Wahrheit gesagt hatte. Alles hatte seine Zeit. Und jetzt war es an der Zeit nach Hause zu kehren und von den Erinnerungen an seine erstaunlichen Abenteuer zu zehren. Er hatte auf seiner Reise zwar nicht den Horizont erreicht, dafür aber Octo, Cala, Astrapi und all die restlichen Meeresbewohner kennengelernt. Das war mehr als er sich je erträumt hatte.
Yanni lichtete den Anker und stellte fest, dass er gar nicht mehr wusste, wo er sich befand und in welche Richtung er sein Boot hätte lenken müssen. 
Er blickte um sich und zuckte gelassen mit den Schultern.
«Mein Freund, der Wind, wird mich schon ans richtige Ufer lenken.»

Mehrere Tage und Nächte trieb der Wind Yanni nach Hause, während er die außergewöhnlichen Abenteuer der letzten Tage niederschrieb, um auch nichts zu vergessen. Das Meer war spiegelglatt. Ab und zu kreischte eine hungrige Möwe. Und dann hörte Yanni ein tiefes brummendes Lachen. Erstaunt blickte er um sich, doch er konnte niemanden sehen. Er wollte gerade die Geschichte mit dem jungen Delfin zu Ende schreiben, als das Boot meterhoch aus dem Meer gehoben wurde. Verängstigt hielt sich Yanni an einem Tau fest und hörte, wie um ihn herum das Wasser rauschend nach unten strömte. Für kurze Zeit herrschte wieder absolute Stille. Nichts regte sich. Zögernd stand Yanni auf und schaute vorsichtig über den Bootsrand. 
«Verrückt! Einfach verrückt!», sprach er leise. 
Sein kleines Boot stand nicht mehr im Wasser, sondern auf dem Rücken eines riesigen Blauwales. 
«Na, komm zu mir runter. Ich werde dich schon nicht auffressen. Ich finde Menschen äußerst unappetitlich», versicherte ihm der Wal lachend und schielte zu Yanni hoch. 
Mit einem mulmigen Gefühl seilte sich Yanni auf dem feuchten Rücken des Wales runter und setzte sich auf dessen Kopf.
«Entspann dich, mein Freund. Ist das nicht ein herrlicher Tag?», fragte er und pfiff vergnügt durch sein Atemloch. 
«Ja, ein wunderschöner Tag», antwortete Yanni leise. 
«Du bist also auf dem Heimweg. Wenn du magst, nehme ich dich ein Stückchen mit und wir plaudern ein bisschen. Ich soll dich übrigens von allen grüßen», bemerkte der tonnenschwere Koloss.
Yanni dankte ihm erfreut und genoss die außergewöhnliche Sicht aufs Meer.
«Verrückt! Einfach verrückt!», murmelte er staunend. 
«Ach, so verrückt, auch wieder nicht. Mein Ururururururururgroßvater Moby Dick hat immer gesagt: Es gibt nichts, was es nicht gibt.»
Yanni nickte zustimmend.
«Und? Hast du herausgefunden, warum du dich immer wieder in den jungen Yanni verwandelt hast?», fragte ihn der Wal. 
Yanni zuckt überfragt mit der Schulter.
«Hast du wenigstens eine Ahnung, warum du stundenlang im Meer schwimmen konntest wie ein Fisch?»
Wieder hatte Yanni keine Antwort.
«Du hast dir doch was gewünscht oder nicht?», neckte ihn der Wal.
Yanni kam ins Grübeln. Es fiel ihm wieder nur sein Wunsch ein, den Horizont zu besuchen. 
«Nein, nicht dieser Wunsch! Es war Acheloos, der Vater der Sirenen, der dir dieses Geschenk gemacht hat», verriet er lächelnd. 
«Der Vater der Sirenen?», fragte Yanni und machte große Augen.
«Wieso gerade mir?», wunderte sich Yanni.
«Deine Rübe wird wohl langsam alt, was?», zog ihn der Wal auf.
«Mein Ururururururururgroßvater Moby Dick hat immer gesagt, man soll sich gut überlegen, was man sich wünscht.»
Yanni zuckte überfragt mit den Schultern.
«Du hast versprochen, den Menschen von uns und unseren Sorgen zu erzählen, wenn du wieder jung sein könntest. Klimawandel, Fischsterben, Umweltverschmutzung. Schon vergessen?»
Traurig blickte Yanni auf seine alten Hände.
«Aber schau mich an, ich bin nicht mehr der Jüngste und werde wohl kaum noch genug Zeit haben, um mein Versprechen zu halten.»
«Mach dir keine Sorgen. Es wird sich schon ein Weg finden. Jeder kleinste Schritt zählt. Und du bist ja nicht allein auf dieser Welt. Wir bringen dich jetzt erst mal nach Hause», munterte ihn der Blauwal auf.
Und endlich begriff Yanni, was der Wal und all die anderen Tiere ihn gelehrt hatten. Alles hängt zusammen. Wir machen alle Fehler. Wichtig ist es, daraus zu lernen. Ohne einander würde das Leben nicht viel Sinn, geschweige denn Freude machen.  
«Festhalten, ich schalt jetzt mal den Turbo ein!», warnte Moby Dicks Ururururururururenkel Yanni und schwamm los, um den alten Fischer so schnell wie möglich nach Hause zu bringen.

WIEDER  ZU HAUSE

Als Yanni seine Insel wieder erreichte, blickten ihn die Dorfbewohner an als würden sie einem Geist gegenüberstehen. Es grenzte für sie an ein Wunder, dass er immer noch lebte, während er sich nicht über die lange Zeit wunderte, die er weg gewesen war. Seine Reise hatten ihn gelernt, dass es nichts gibt, was es nicht gibt. 

Bäcker Nikos blickte ihn ungläubig an und rechnete sich aus, dass Yanni zehn Jahre weg gewesen war und somit schon fast hundert Jahre alt sein musste.
«Verrückt so was! Einfach verrückt!», murmelte er.
Nur Sofia war nicht ganz so erstaunt, ihren lieben Freund wieder in die Arme schließen zu können. Eine Stimme in ihrem Herzen hatte sie nie die Hoffnung verlieren lassen. Und nun saß sie mit den restlichen Dorfbewohnern bei Yanni vor dem Haus und erfuhr von Octo, dem kurzsichtigen Tintenfisch und von Cala, der weisen Schildkröte. Zum Beweis zeigte ihnen Yanni die Schwimmhäute, die ihm zwischen den Fingern geblieben waren. Sie staunten nicht schlecht, als sie von den Sirenen hörten und von Astrapi, dem Haifisch, der seine ganz spezielle Zahnseide benutzte, und von all den anderen Meeresbewohnern, die dort in einer wunderbaren, aber bedrohten Parallelwelt lebten. Als die Inselbewohner von Yannis Versprechen hörten, den Tieren zu helfen, zögerten sie nicht lange. Alle gemeinsam dachten sie darüber nach, wie man das Steuer noch herumreißen konnte bevor es endgültig zu spät war. Stavros, der Barbesitzer, entschied sich ein Solardach zu bauen und das biologisch angebaute Gemüse seines Onkels für die Speisekarte zu benutzen. Der eine nahm sich vor, auch mal das Fahrrad statt das Autos zu benutzen. Das ganze Dorf einigte sich darauf, den Abfall umweltgerecht zu entsorgen und weniger Plastik zu benutzen. Nikos wollte kleine Meerestiere aus Hefeteig backen und einen Teil des Erlöses für interaktive Aufklärungsprojekte mit Kindern aufwenden, während Yanni weiterhin allen, die ihm zuhören wollten, von seinen Meeresfreunden, vom Horizont und von den kleinen Dingen, die der Mensch tun konnte, um etwas zu verändern, erzählte. Er besuchte Schulen und Altersheime, Dörfer und Städte. Und als er dann doch zu alt dafür wurde und sein Gedächtnis etwas nachließ, erzählte Sofia die Geschichten und sorgte dafür, dass Yannis Erlebnisse nicht verloren gingen.
Neue Touristen kamen auf die Insel, und erfuhren so von Yannis Geschichten, die ihren bisherigen Blick auf das Meer und seine Bewohner veränderten. Immer noch kreuzten die grossen Dampfer vor der Insel auf. Immer noch warfen die einen ihren Abfall ins Meer. Doch andere taten sich zusammen, um den Strand mit ihren Kindern vom Abfall zu säubern.

Eines Abends saß Yanni vor seinem Haus und blickte auf den Horizont. Die Sonne ging gerade unter und tauchte das Meer in schimmerndes Gold, als der alte Fischer ein bekanntes Klickgeräusch hörte. Kurz darauf sprang ein stattlicher Delfin aus dem Wasser. Yanni wusste, dass der Horizont nun auf ihn wartete und machte sich gelassen auf den Weg. 
Als Sofia am nächsten Tag vorbeikam, um Yanni das Mittagessen vorbeizubringen, hatte dieser sein Haus aufgeräumt und eine Nachricht für sie hinterlassen.
«Liebe Sofia. Ein alter Freund hat mich zu sich eingeladen. Es wird ein Weilchen dauern, bis wir uns wiedersehen, aber mach dir keine Sorgen. Alles hat seine Zeit.»

Und wenn wir uns heute oder morgen etwas Zeit nehmen, können wir, wo auch immer wir gerade sind, sehen, wie der alte Fischer Yanni auf der feinen Linie zwischen Himmel und Erde einen gemütlichen Spaziergang macht und neue Geschichten in den Wind schreibt, die auf die eine oder andere Weise zu uns gelangen.

© Text und Zeichnungen Brambrilla 2015 / Daniela und Isabella Cianciarulo  

18. Mai 2015

Die Geschichte des alten Fischers Yanni, der den Horizont besuchen wollte - Teil 3

Ihr Lieben
Ob Yanni wohl heute seinem Ziel, den Horizont zu besuchen, einen Schritt näher kommt? 


CALA, DIE SCHILDKRÖTE


Tatsächlich hatte Yanni keine Vor-stellung darüber, wie lange er bereits unterwegs war, und wieviele Sorgen sich Sofia um ihn machte. Was ihm wie ein paar Tage erschien, waren in Wirklichkeit Jahre gewesen. Mittlerweile war Athina gestorben und Sofia zu einer jungen Frau herangewachsen, die als einzige im Dorf immer noch auf Yannis Rückkehr hoffte. Das konnte Yanni aber nicht wissen, denn auf der Reise zum Horizont zählten allein die Meeresstunden und die folgten ihren eigenen Gesetzen. 
Yanni wollte trotz des immer noch tobenden Sturmes zu seinem Boot zurückschwimmen und nach Hause fahren, als Cala noch etwas verschlafen auf ihn zuschwebte.
Wie schön sie ist, dachte Yanni entzückt. 

«Grüss dich, Yanni. Könntest du mir bitte den Panzer abschrubben? Ich komm da so schlecht ran», bat sie ihn und rieb sich gähnend die Augen. 
«Aber natürlich», antwortete Yanni hilfsbereit.
Er griff nach etwas Sand und rubbelte den mit Algen und Moos bewachsenen jahrzehntealten Panzer ab. Nach und nach kam regenbogenfarbig schimmerndes Perlmutt darunter zum Vorschein. 
«Mhm, das tut gut, efcharisto», bedankte sich Cala.
«So, mein Lieber und jetzt zu dir. Ich habe gehört, dass du mich etwas fragen willst. Ich hab grad ein Momentchen Zeit bis zu meinem nächsten Termin. Also, wie kann ich dir helfen?» 
«Wie kann ich den Horizont erreichen?» fragte Yanni aufgeregt. 
Cala schüttelte ernst den Kopf.
«Es tut mir leid, aber ich muss dich enttäuschen. Den Horizont kannst du beim besten Willen nicht erreichen. Niemand von uns kann das, solange er lebt.» 
«Das glaub ich dir nicht!», entgegnete Yanni stur. 
Die Schildkröte ließ sich nicht aus der Ruhe bringen. 
«Ich werde dir ein Geheimnis anvertrauen. Ich selbst wollte mal zum Horizont reisen», flüsterte sie ihm zu. 
«Wirklich?» fragte Yanni nach. 
«Ja, als ich noch jung war, erzählte mein Vater mir, dass er vor langer langer Zeit Acheloos, den Vater der Sirenen, belauscht und dabei erfahren hatte, dass an einem ganz bestimmten Punkt des Horizonts die Weisheit ihren Ursprung hat. Derjenige, der diesen geheimen Ort fände, würde zum weisesten Lebewesen auf Erden. Als ich dies hörte, war meine Entscheidung schnell gefasst. Ich wollte diesen Punkt am Horizont finden und zum weisesten Tier der Welt werden. Ohne meinen Eltern etwas zu sagen, machte ich mich auf den Weg. Viele Jahre war ich unterwegs, doch den Horizont erreichte ich nie. Ich verlor dabei keinen Gedanken an meine besorgte Familie. Niemand konnte mich von meinem Vorhaben abbringen und ich merkte nicht, wie einsam ich geworden war. Yanni, mach nicht denselben Fehler! Den Horizont kann man nicht erreichen. Aber es gibt genügend Orte auf der Welt, die auf uns warten und die uns ihre Geheimnisse anvertrauen können», sprach die Schildkröte ehrlich. 
Störrisch schüttelte Yanni den Kopf. 
«Ich glaub dir kein Wort. Du lügst mich an! Ihr wollt alle nicht, dass ich den Horizont erreiche und mehr weiß als ihr alle zusammen!», rief er aus. 
Cala schüttelte den Kopf und machte sich wieder auf den Weg. 
«Was heißt denn schon mehr? Du weißt mehr als die einen, aber auch weniger als die anderen. Das tun wir alle. Niemand hat die Weisheit mit Löffeln gefressen, auch wenn heute manch einer so tut als ob. Höre auf mich und geh nach Hause zurück. Du verschwendest nur deine kostbare Zeit», rief sie ihm noch zu und verschwand langsam in den unergründlichen Tiefen des Meeres. 

GLÜCK GEHABT
Wütend wollte Yanni zurück aufs Boot schwimmen, als sich ein Schatten über ihn legte. Er blickte hoch und erkannte einen stattlichen Hai. Schnell versteckte er sich hinter einem großen Felsen und verfolgte dessen flinke Bewegungen.
«Aber klar, der Haifisch!», dachte er.

«Er ist schlau und hat schon in allen Meeren dieser Welt gejagt. Er wird mir wohl sagen können, ob und wie man den Horizont erreichen kann.»
Nicht einmal die Gefahr, vom gefürchteten Raubfisch gefressen zu werden, hielt ihn davon ab, sich diesem zu nähern. Er nahm seinen ganzen Mut zusammen und kam aus seinem Versteck hervor. Doch der Hai war bereits verschwunden. Enttäuscht wandte sich Yanni  ab, um zurückzuschwimmen und blickte starr vor Schreck in eine Reihe messerscharfer Zähne.
«Buh!», machte der Hai und grinste belustigt.
Yanni spürte, wie ihm das Blut in den Adern gefror.
Das wars dann wohl!, dachte er und schickte ein letztes Stoßgebet zum Himmel.
«Du hast Glück, dass ich bereits gegessen habe. Du wärst wahrlich ein kleiner Leckerbissen gewesen», sagte Astrapi, der Haifisch und griff nach einer auf dem Meeresgrund vor sich hin rostenden Eisenschnur, um sich die Zahnzwischenräume damit zu putzen.
«Gibt es etwas Langweiligeres als Zähne putzen?», beklagte er sich und ließ Yanni nicht aus den Augen.
Yanni schluckte eingeschüchtert. Astrapi lächelte zufrieden und Yanni nutzte die Gunst der Stunde, um ihm die Frage zu stellen, die ihm auf der Zunge brannte.
«Niemand konnte mir bis jetzt eine Frage beantworten. Aber du, stark und schlau und schnell wie ein Blitz, wirst mir sicher weiterhelfen können», stammelte er.
«Was für eine Frage?», wollte der Hai geschmeichelt wissen.
«Ich will zum Horizont. Weißt du, wie man dorthin gelangt?» fragte Yanni schließlich.
Erstaunt sah ihn der Raubfisch an.
«Es stimmt. Ich kann dir deine Frage beantworten, aber von nichts kommt nichts oder wie unsereins sagt, eine Flosse wäscht die andere. Zuerst putzt du mir meine Beißerchen zu Ende und dann sag ich dir, was du wissen willst,» meinte er grinsend.
Yanni zögerte.
«Na, komm schon. Ich tu dir schon nichts. Du hast mein Wort!»
«In Ordnung», willigte Yanni ein und gab sich einen Ruck.
Zitternd streckte er seine Hand in Richtung Hai, als dieser unvermittelt zuschnappte. Yanni konnte gerade noch rechtzeitig die Hand zurückziehen, sodass die Zähne des Haifisches geräuschvoll aufeinanderschlugen.
«Wieso hast du das gemacht?», fragte Yanni vorwurfsvoll.
«Das musst du nicht persönlich nehmen. Ich bin nun mal kein Vegetarier», entschuldigte sich der Hai.
«Wie konnte ich nur so blöd sein!», ärgerte sich Yanni über sich selbst und schwamm, ohne die Antwort des Haifischs abzuwarten an die Wasseroberfläche.
«Warte!», rief ihm Astrapi hinterher.
«Den Horizont kann niemand erreichen. Und das kannst du mir glauben! Ich komme weit herum, denn ich bin das einzige Meerestier, das nie schläft. Ich muss immerzu schwimmen, sonst würde ich ersticken, aber den Horizont habe ich bisher nicht erreicht.»
«Wieso sollte ich dir auch nur ein Wort glauben? Du wolltest mir gerade die Hand abbeißen!»
«Du bist aber auch störrisch!» entgegnete der Haifisch am Ende seiner Geduld.
«Ich werde schon noch jemanden finden, der mir die Wahrheit sagt!», beharrte Yanni.
«Ich sollte dich vielleicht doch fressen, dann würdest du den anderen nicht mehr mit deiner Sturheit auf die Nerven gehen. Wenn man die Wahrheit wissen will, muss man sie auch ertragen können. Meinst du, ich würde mich nicht mal nach einem tiefen langen Schlaf sehnen? Aber es ist wie es ist. Dafür muss ich mich vor niemandem fürchten. Na ja, stimmt so auch wieder nicht. Ihr nennt uns zwar immer gefährliche Monster, aber wir haben kaum so viele von euch auf dem Gewissen wie ihr! Seit dieser amerikanische Regisseur aus Hollywood, wie hieß er doch gleich, diesen Horrorfilm über den weißen Hai gemacht hat, ist alles noch viel schlimmer geworden. Immer denkt ihr nur in Schwarz und Weiß! Wir sind die bösen und ihr die guten. Dass ich nicht lache!», entrüstete sich Astrapi und schwamm davon.
Yanni sah ihm nach und bemerkte, dass er nicht mehr alleine war. Die restlichen Fische hatten sich wieder aus ihren Verstecken hervorgetraut und blickten ihn verstohlen an. Yanni dachte über Astrapis Worte nach und musste ihm recht geben. So betrachtet war der Mensch tatsächlich der größte Räuber der Geschichte. So weit er auch in seiner Erinnerung wühlte, ein Krieg, den irgendwelche Tiere gegen andere geführt hätten, kam Yanni nicht in den Sinn.

An diesem Abend flickte Yanni weder sein Netz, noch dachte er sich neue Geschichten für Sofia aus. Zum ersten Mal seit langem blickte er in die Weite und versuchte, die feine Linie zwischen Meer und Himmel zu erkennen. Lange war es her, seit er den Horizont gegrüßt hatte. Zu sehr war er damit beschäftigt gewesen, nach dem Weg dorthin zu suchen. Yanni war bei Sonnenuntergang wieder um Jahre gealtert und fühlte sich außergewöhnlich schwach und erschöpft. In seinem Inneren kämpften der junge und der alte Yanni gegeneinander an. Der junge Yanni wollte den Horizont erreichen, eine Antwort auf alles haben, die Welt verändern, während der alte Yanni wusste, dass man nicht alle Fragen beantworten konnte. So saß der Fischer an Deck und zerbrach sich den Kopf darüber, was er denn nun machen sollte, aber er kam auf keine Lösung.

© Text und Zeichnungen Brambrilla 2015 / Daniela und Isabella Cianciarulo

7. Mai 2015

Zum Muttertag

Am Sonntag feiern wir unsere Mamas. Eine gute Gelegenheit, zu überlegen, was deine Mama so einzigartig macht und dich dafür bei ihr zu bedanken! Die Vorlage kannst du gerne ausdrucken und auf der gestrichelten Linie aufschreiben, warum du deine Mama lieb hast. 


Die Herzgirlande kannst du übrigens ganz leicht selbst machen. Farbiges A4-Papier der Länge nach in ca. 1 1/2 cm breite Streifen schneiden. 

Unser Kater Raphi hatte jedenfalls tatkräftig seine Tatzen im Spiel:-)


28. April 2015

Die Geschichte des alten Fischers Yanni, der den Horizont besuchen wollte - Teil 2

Heute geht's weiter mit Yannis Geschichte. In den Tiefen des Meeres begegnet er ganz aussergewöhnlichen Geschöpfen. Springt mit in die Fluten und seht selbst...


SIRENENZAUBER
Schweinswale, Stundenglasdelphine, Geistermuränen, Hammerhaie, Zipfelseegurken, Spiralröhrenwürmer, Seepferdchen, Langnasen-Büschelbarsche, kurz die ganze internationale maritime Task Force schüttelte bei der wie immer am ersten Montag des Monats stattfindenden Krisensitzung den Kopf, als Octo ihnen von der Begegnung mit Yanni erzählte. 
«Den Horizont besuchen! Wir haben wohl andere Sorgen! Uns geht dank denen dort oben hier unten bald die Luft aus. Die Korallenriffe sind praktisch verschwunden, stattdessen liegt überall Müll rum, die Hälfte unserer Verwandten gibt es nicht mehr und der verschwendet seine Zeit mit so einer sinnlosen Reise!», grummelte ein Seehase.
«Weiss er denn nicht, dass der Horizont unerreichbar ist?», fragte ein Kugelfisch schüchtern. 
«Yanni wird genauso wenig den Horizont erreichen, wie wir den Menschen davon abbringen können, unser Zuhause weiter zu verwüsten!», bemerkte eine Pyjamaschnecke und verkroch sich traurig in ihr Häuschen. 
«Jetzt hört mal auf mit Trübsal blasen! Die Lage ist ernst, aber wir können nicht einfach unsere Köpfe in den Sand stecken! Wir werden schon noch auf eine Lösung kommen. Yanni wird uns helfen, da bin ich mir sicher!», munterte Octo die anderen auf.

Yanni liebte das Leben auf dem Meer, wenn er nicht gerade einen Feriendampfer voller lärmender Touristen kreuzte, die sich respektlos benahmen und ihren Abfall einfach über die Reling warfen. 
«Würdet ihr es mögen, wenn jemand seinen ganzen Müll in eurer Stube entsorgen würde!?», rief er ihnen erzürnt zu. 
Doch die Touristen konnten oder wollten ihn nicht hören und winkten ihm breit grinsend zu. 
Sobald sein Ärger verflogen war, genoss Yanni die friedliche Ruhe. Er staunte über die unzähligen Farben des Meeres und des Himmels. Alles änderte sich ständig. Nur sein Freund, der Horizont ließ Wolken und Gezeiten gelassen an sich vorüberziehen, und umrandete die Welt jeden Tag in einer perfekten Linie. 
«Mehr als vierzigtausend Kilometer ist diese Linie lang. Es gibt keinen Ort auf der Welt, den der Horizont nicht kennt. Stell dir das mal vor, Octo!», philosophierte Yanni mit seinem neuen Freund, der ihm oft Gesellschaft leistete, um über die erstaunliche Vielfalt allen Lebens zu reden, aber auch über die Kurzsichtigkeit der Menschen nachzudenken, die in gewissen Dingen nur bis zur eigenen Nasenspitze dachten und keinen Millimeter weiter. 
«Könnte ich doch wieder jung sein! Ich würde den Leuten mit meinen Geschichten deutlich machen, dass die Natur uns nicht braucht, wir aber sie. Wir benehmen uns wie...wie...» suchte Yanni verärgert nach der richtigen Bezeichnung.
«Wie Menschen eben. Tja, mein lieber Yanni, wenn das Wörtchen wenn nicht wär, gäbs im Meer kein Plastik mehr…», antwortete Octo.
Schweigend beobachteten sie die Sternschnuppen und wünschten sich etwas, in der Hoffnung, es würde in Erfüllung gehen. 
Am nächsten Morgen stellte Yanni sich vor den kleinen Spiegel, um sich zu rasieren und traute seinen Augen nicht. Ungläubig berührte er sein Gesicht. Die Glatze und all seine Falten waren verschwunden. Er war wieder einer junger Mann. Kopfschüttelnd fuhr er sich mit den Händen durchs dichte Haar. Glücklich rannte er an Deck und sprang laut juchzend ins Wasser. Er nahm einen tiefen Atemzug und tauchte unter, schwamm immer tiefer und tiefer. Komischerweise verspürte er gar keinen Drang, wieder an die Wasseroberfläche zu schwimmen, um Luft zu holen. Er zwickte sich ungläubig ins Ohr. Nein, das war kein Traum! Er konnte tatsächlich unter Wasser atmen, so wie ein Embryo im Fruchtwasser. 
«Im Grunde sind wir auch Fische bevor wir auf die Welt kommen!», überlegte Yanni.
Fluoreszierende Quallenschwärme, die aussahen wie kleine Raumschiffe, beäugten ihn skeptisch während er vor Freude auf dem Grund des Meeres Purzelbäume schlug. 
«Was ist denn das für ein komischer Fisch?», fragten sie sich verunsichert, da sie in diesen Tiefen des Meeres noch nie einen Menschen gesehen hatten. 
«Ist der etwa gefährlich?» 
Yanni winkte ihnen zu, doch die Quallen missverstanden seine freundlich gemeinte Geste und brachten sich schnell in Sicherheit.
«Verrückt! Einfach nur verrückt!», dachte Yanni. 
Eine weitere Geschichte, die Sofia Yanni kaum glauben würde.
Yanni schwamm weiter auf ein Korallenriff. Er fühlt sich stark und jung und sah Fischarten, die er noch nie zuvor gesehen hatte, als sich zwischen den Bäumchenkorallen plötzlich etwas bewegte. Täuschte er sich oder hatte er tatsächlich eine Sirene erblickt? Neugierig schwamm er näher heran, konnte jetzt aber ausser ein paar Krebsen nichts entdecken. Er musste wohl geträumt haben. Andererseits schwamm er doch hier wie ein Fisch im Meer herum, eine Sirene mehr oder weniger würde ihn jetzt auch nicht verblüffen. 
Plötzlich kitzelte ihn etwas an den Füßen. Er drehte sich um, hörte aber nur ein leises Kichern. 
«Schaut, das ist der alte Fischer Yanni, der den Horizont besuchen will.» 
«Ach, der arme Tölpel! Weiß er denn nicht, dass man den Horizont nicht erreichen kann?», sprachen die wunderschönen Stimmen durcheinander. 
«Bleib lieber hier bei uns! Du wirst es viel schöner haben!», sangen sie mehrstimmig.
«Ihr lügt! Man darf euch nicht trauen!» 
Wütend wandte sich Yanni ab und schwamm an die Wasseroberfläche zurück. 
Schlecht gelaunt kletterte er wieder auf sein Boot und bemerkte, dass seine Bewegungen immer langsamer wurden und dass er seine alten schmerzenden Knochen wieder spürte. Er eilte unter Deck zum Spiegel und erstarrte vor Schreck. Er war wieder gealtert und sein gefurchtes Gesicht blickte ihm traurig entgegen. 
«Was geschieht bloß mit mir?» 
Erschöpft sank er auf das Kajütenbett, rieb sich seine rissig rauen Fischerhände und sah, dass ihm Schwimmhäute zwischen den Fingern gewachsen waren. 
«Verrückt! Einfach verrückt! Ob ich morgen wohl wieder als junger Mann aufwachen werde?», murmelte er neugierig und schlief beim  sanften Rauschen der Wellen ein. 

HEIMWEH

Als die ersten Sonnenstrahlen durch die Bootsluken drangen, stand der alte Fischer schnell auf, um sich im Spiegel zu betrachten. Tatsächlich blickte ihm im Spiegel der junge Yanni entgegen. Wagemutig sprang Yanni ins Wasser, um sich auf die Suche nach Octo zu machen.
Doch sein Freund war nicht zu finden. Die Wasserströmungen trugen wieder stattdessen den bezaubernden Gesang der Sirenen heran. Hin- und hergerissen überlegte er, ob er zu ihnen schwimmen sollte, um nachzufragen, ob sie ihn nur geneckt oder doch die Wahrheit gesprochen hatten. Er erinnerte sich an all die Geschichten, die man sich von den Fischern erzählte, die sich, angelockt vom Gesang, in eine Sirene verliebt hatten und nie mehr an Land gekommen waren, und entschied sich, einen grossen Bogen um die sagenumwobenen Geschöpfe zu machen.
Rastlos schwamm er durch die Gegend. Statt sich an der Unterwasserwelt zu erfreuen, zerbrach er sich den Kopf darüber, welcher Meeresbewohner ihm sagen konnte, ob und wie man den Horizont erreicht. Er schwamm an einem versunkenen Schiffswrack vorbei und erinnerte sich daran, dass die Sirenen von Cala, der weisen Meeresschildkröte, gesungen hatten, die seit Ewigkeiten in diesen Gewässern lebte und sicher wusste, ob man den Horizont erreichen kann oder nicht. 
Yanni bemerkte, dass ihm das Atmen immer schwerer fiel und schwamm hastig an die Wasseroberfläche. Sein Blut pochte laut in den Ohren. Seine Lungen verlangten nach Luft. Kurz vor knapp erreichte er die Wasseroberfläche. Völlig erschöpft hielt er sich am Boot fest und konnte sich mit letzter Kraft an Bord ziehen. Ihm war es  vorgekommen, als wäre er nur eine Stunde unter Wasser gewesen, aber tatsächlich stand schon der Mond wieder am Himmel.
«Ich muss vorsichtiger sein!», ermahnte er sich, «Und rechtzeitig zurückkehren, sonst werde ich in der Tat den Horizont nie erreichen!» 
Erschöpft legte er sich hin und dachte nach, wie es möglich war, dass er sich über Nacht in den jungen Mann verwandelte, den er vor vielen Jahren gewesen war. Man sagte zwar, dass man mit fortschreitendem Alter wieder zum Kinde wird, aber das war nur eine Redewendung. Dass dies mit ihm wortwörtlich geschehen würde, hätte er niemals für möglich gehalten. Wieder eine Frage, auf die er keine Antwort wusste. Überfragt schüttelt er den Kopf. 
«Jedenfalls hoffe ich, dass der Zauber so lange anhält, bis ich wenigstens weiß, was es mit dem Horizont auf sich hat.»

Am nächsten Morgen zog ein Gewitter heran, aber das schreckte den wieder erneut verjüngten Yanni nicht ab, im Gegenteil. Furchtlos sprang er ins Meer, denn er hatte sich vorgenommen, Cala zu finden. Und was sich der junge Yanni im Gegensatz zum alten in den Kopf setzte, das zog er auch durch, Gewitter hin oder her. 
Das Wasser war kühler als sonst, aber das kümmerte ihn nicht. Je tiefer er schwamm, umso weniger nahm er etwas vom Gewitter wahr. Nur die Seeanemonen auf dem Meeresgrund schwankten leicht hin und her. Yanni legte sich neben sie, während über ihnen der Sturm tobte. 
«Was für eine Ruhe hier unten herrscht! Wäre ich jetzt auf meinem Boot, ich würde ich wohl seekrank werden vor lauter Rauf- und Runterschaukeln!» 
Plötzlich ergriff etwas Yannis Fuß und zog ihn zu sich heran. Yanni erkannte Ottos Tintenfischarme, die sich um seinen Hals schlangen. 
«Octo, lass mich los. Ich bin es, Yanni!» 
«Yanni? Was ist denn mit dir geschehen? Warst du nicht mal älter? Lipame, es tut mir sehr leid!», entschuldigte sich Octo und lockerte den Griff. 
«Ich dachte schon, ich hätte gerade mein Frühstück gefangen.»
«Brauchst du eine Brille oder was?», erzürnte sich Yanni und rieb sich den Hals, der mit roten Saugflecken übersät war. 
«Ja, ich bin schrecklich kurzsichtig und hätte mich schon lange darum kümmern müssen, aber so wie du jetzt ausschaust, hätte ich dich eh nicht erkannt. Und überhaupt, was suchst du hier unten, so ganz ohne Sauerstoffflasche?», fragte Octo, um das Thema zu wechseln. 
«Das ist eine lange Geschichte. Die Sirenen haben mich verspottet und gesagt, dass man den Horizont nicht erreichen kann. Stimmt das?»
Octo blickte betreten weg bevor er schließlich nickte. 
«Das stimmt nicht! Die weise Schildkröte wird mich nicht anlügen!», ereiferte sich Yanni.
«Yanni, glaub mir! Ich bin doch dein Freund. Den Horizont kann niemand erreichen. Mit jedem Schritt, den wir auf ihn zu machen, macht er einen Schritt von uns weg. Ich wollte dich nicht enttäuschen. Und ausserdem wärst du dann wieder nach Hause gefahren und ich... ich hätte einen Freund verloren.» 
«Freund nennst du das?!», erwiderte Yanni aufgebracht. «Du hättest mich beinahe erwürgt!» 
«Ich hab mich doch schon entschuldigt! Du kannst aber auch stur wie ein Esel sein! Cala ist keine Frühaufsteherin. Sie schläft noch. Du musst dich also noch etwas gedulden», erklärte Octo, bevor er sich schmollend auf den Weg machte. 
Yanni setzte sich enttäuscht hin und betrachtete einen blau leuchtenden Seestern. Sein Vater hatte ihm früher erzählt, dass Sternschnuppen zu Seesternen werden, wenn sie ins Meer fallen. Er hatte sich das als kleiner Junge immer vorzustellen versucht und musste nun feststellen, dass das auf seine eigene Art tatsächlich so war. Die Erinnerungen an sein altes Leben machten Yanni etwas wehmütig. Zum ersten Mal seit Tagen vermisste er seine Insel, seine störrische Ziege und Sofia. 
«Vielleicht sollte ich wieder zurückkehren bevor sich die Kleine Sorgen macht», überlegte Yanni, während er mit seinen Zehen im Meeresgrund wühlte und kleine Sandstürme erzeugte. 

© Text und Zeichnungen Brambrilla 2015 / Daniela und Isabella Cianciarulo