Wer sind die Brambrillas

WIR SCHREIBEN KINDERGESCHICHTEN UND DENKEN UNS IMMER WIEDER ETWAS NEUES AUS. WIR ZEICHNEN UND FOTOGRAFIEREN. MAL ZUSAMMEN, MAL JEDE FÜR SICH. BASTELN, FILOSOFIEREN UND KOCHEN TUN WIR AUCH GERNE. WIR MÖGEN TIERE UND DAS MEER. DIE NATUR LIEGT UNS AM HERZEN UND DIE FREUDE DARAN WOLLEN WIR MIT EUCH TEILEN.

27. Oktober 2015

Gru und Sel haben Halloween zum Fressen gern


Wicht Gru und Wicht Sel sassen am knisternden Lagerfeur und sahen gelangweilt in die stockfinstere Nacht. Von überall konnten sie es scheppern, klirren, knarren, rappeln und schreien hören. Ein Geistertreiben überall.

„Hast du auch schon Angst?“, fragte Gru und gähnte gelangweilt.
„Total“, erwiderte Sel und bohrte gelassen in der Nase.
„Jedes Jahr dasselbe Getue an Halloween“, meinte Gru und seufzte unzufrieden.
„Friedhofgespenster hier, Kettengerassel dort. Wenn man Glück hat, humpelt mal ein guter Zombie vorbei. Aber die sind rar gesät heutzutage“, maulte Sel.
„Nix mehr los an Halloween“, sagte Gru etwas traurig.
„Ne, früher war alles viel grusliger. Das war ein gefürchiger Spass!“, erinnerte sich Sel.
„Buh! Uäh! Huuu! Haaa! Wir fressen euch gleich bei lebendigem Leibe ihr motzenden Wichte!“, schrie es plötzlich hinter ihnen.
Ohne mit der Wimper zu zucken, drehten sich Gru und Sel um, und blickten in Gans Fies’ und Katze Fratzes gespenstisch verzerrten Gesichter.
„Huch, ich mach mir gleich in die Hose“, sagte Gru nicht wirklich beeindruckt.
„Was seid ihr denn für eine einschläfernde Gespenstertruppe. Ihr beiden hattet aber auch schon mehr Grusel auf Lager!“, sagte Sel und seufzte enttäuscht.
„Macht’s doch besser ihr Zwerge!“, fauchte Katze Fratze beleidigt.
„Kein Problem“, antwortete Gru.
„Will ich sehen!“, schnatterte Gans Fies finster.
„Kannst du haben, du lahme Ente, du!“, antwortet Sel.
„Wenn ihr mutig genug seid, kommt ihr in zwei Stunden zurück in unsere Gruselhöhle“, forderte Gru die beiden heraus.
„Darauf kannst du spucken, dass wir kommen. Wir sind doch keine Angsthasen!“, schrien Katze Fratze und Gans Fies und machten sich vom Acker.
„Und jetzt?“, fragte Sel verunsichert.
„Komm, ich habe eine super Idee“, sagte Gru und flüsterte Sel kichernd etwas ins Ohr. 

In Gru und Sels Halloweenküche schmorte, brutzelte und spritzte es. Die Zeit war knapp, doch bevor die Geisternacht ihre letzte Stunde geschlagen hatte war alles bereit. Und schon polterten Katze Fratze und Gans Fies gegen die Tür.
„Herein die Herren“, sagte Gru grinsend.
„Was soll der Mist? Auf dem ganzen Weg zu euch Pfeifen haben wir uns kein einziges Mal erschreckt!“
„Na, na, nicht so voreilig. Ein bisschen Huibuh schreien und mit der Kette rasseln kann jeder. Wir haben etwas mit Gänsehautfaktor hoch hundert vorbereitet“, sagte Gru und schmunzelte.
„Nehmen Sie doch Platz, hoch verehrte Gäste“, sprach Sel weiter und schob den beiden einen Stuhl zurecht.
Katze Fratze und Gans Fies schauten sich etwas irritiert an und nahmen an der Gruseltafel Platz.
Gru und Sel verschwanden kurz in die Küche, um kurz darauf mit einem dampfenden blubbernden Getränk zurückzukommen.
„Etwas gegorenes Drachenblut für die trockenen Kehlen, die Herren?“, fragte Gru.
Katze Fratze und Gans Fies verzogen angeekelt die Gesichter.
„Ihr traut euch wohl nicht“, sagten die beiden Wichte und tranken die Gläser selber leer, wischten sich über den Mund und rülpsten laut. Katze Fratze und Gans Fies mussten leer schlucken.
Gru und Sel verschwanden erneut in die Küche. Und selbst, wenn Katze Fratze und Gans Fies es nicht zugeben wollten, der Magen flatterte gewaltig als die beiden Wichte nun mit beladenen Tellern aus der Küche traten. 
„Werte Angsthasen“, begann Gru feierlich.
„Als Vorspeise servieren wir knusprig frittierte Fledermausflügel an einer süsssauren Monsterschleimsauce.“
„Als Hauptspeise folgt ein vermodertes Frankensteinfilet an Hirngelee und würzigem Werwolfschweissschaum“, fügte Sel stolz hinzu.
„Und als krönender Abschluss das Dessert: Tarantelaugen mit Zimt und Zombiefingernagelraspel. Leckeeeerrrrr!“, sagte Gru und grinste.
Katze Fratze und Gans Fies winkten ab. Beim Anblick von all dem Schleim und Schaum war ihnen der Hunger so ziemlich vergangen. Gru biss genüsslich in ein Tarantelauge, dass es nur so in alle Richtungen spritzte. Sel verspeiste schmatzend einen knusprigen Fledermausflügel. Katze Fratze und Gans Fies drehte sich definitiv der Magen um. Grün um Schnauze und Schnabel rannten sie zur Tür und suchten „Igitt! Bäh!“ und „Würg!“ schreiend das Weite. 

Gru und Sel lachten sich schlapp.
„Hey, ihr zwei! Kommt zurück! War doch alles nur Spass“, riefen die beiden Wichte Katze Fratze und Gans Fies hinterher.
„Bleibt stehen und probiert mal!“
Katze Fratze und Gans Fies nahmen ihren ganzen Mut zusammen und kamen zögernd zurück. Vorsichtig bissen sie in die eklig aussehenden Augen und hielten erstaunt inne.
„Mhmm, lecker“, sagten sie überrascht.
„Tja, was man mit Marzipan und etwas Fantasie alles machen kann?!“, meinte Gru schmunzelnd.
„Da habt ihr uns aber so richtig das Ekeln beigebracht“, mussten Katze Fratze und Gans Fies eingestehen und probierten auch noch die knusprigen Fledermausflügel, die eigentlich frittierte Grünkohlblätter waren.
Und so schlugen sich die vier beim besten Halloween-Essen aller Zeiten ihre Bäuche voll.
Für nächstes Jahr sind übrigens nur noch ein paar wenige Plätze frei an der schaurig leckeren Grusel-Tafel... Traust du dich?

© Brambrilla/Daniela und Isabella Cianciarulo

Happy Halloween allerseits!!!

Und wer Lust hat, selbst gruslig lustige Lecker-schmecker-Rezepte zu kochen, hier findet ihr bestimmt gute Ideen:
www.gutekueche.at/halloween-kinder-rezepte






22. Oktober 2015

Lichterspuk zu Halloween

In einer Woche fleucht und spukt es wieder in allen Gemächern. Die Nacht wird zur Bühne für mancherlei Spukiges... Wer nicht bis dahin warten mag, kann schon mit etwas 

Leim, Wasser, Seidenpapier und Luftballons seine eigenen Geisterchen basteln. So geht's: Kleine Luftballons auf die Grösse einer Orange oder eines kleinen Kürbisses aufblasen. Knopf rein. Seidenpapier  - in Orange für die Kürbismönsterchen, in Weiss für die anderen Geisterchen - in kleine Stücke zerreissen.  Einen circa baumnussgrossen Klecks weissen Bastelleim in einem Glas mit Wasser vermischen. Und dann mit einem dicken Pinsel Schicht für Schicht die Seidenpaperfetzchen auf den Ballon auftragen. Ihr könnt natürlich auch die Hände benutzen. Es macht nichts, wenn das Papier kleine Falten macht. Von innen her beleuchtet, sieht das richtig schön gruselig aus.

4 - 5 Schichten müsst ihr schon auf den Ballon pappen. Aber wenn man dazu lustige Musik hört oder sich Reime zu Halloween ausdenkt, vergeht die Zeit im Nu.
Die Geisterchen über Nacht trocknen lassen. Am besten mit dem unteren unbeklebten Teil auf ein Glas stellen. So kann die beklebte Stelle trocknen.

Am nächsten Tag den Ballon aufstechen und schon könnt ihr die Mönsterchen nach Lust und Laune mit Spielaugen, Papierfledermäusen oder Spinnen bekleben oder mit gruseligen Gesichtern bemalen. Wer die Augen und den Mund ausstechen will, der soll das bitte bitte Mamma oder Papa machen lassen. Die können das am besten mit einem messerscharfen Cutter. Dann nur noch Transparentfolie von innen her auf die ausgeschnittenen Augen und Münder kleben und eine Rechaudkerze rein und schon leuchten eure Geisterchen durch die Nacht. Wenn ihr sie wie wir aufhängen mögt, dann achtet darauf, dass es genügend Abstand zum Ast oder zum Faden hat, damit die Kerze diese nicht ansengt. Mit einer Nadel mittig etwa 1 Zentimeter vom Rand her rechts und links eure Geisterchen durchstechen und schon schwirren sie durch die Lüfte. 

HAPPY HALLOWEEN wünschen euch die Brambrillas...

21. Oktober 2015

Kugelschreibermonster schleichen übers Blatt

Es muss nicht immer kompliziert sein. Ein Blatt, ein Kuli, zwei drei Linien und schon entsteht Leben auf dem Papier. Also, wenn die Mönsterchen nachts durch eure Träume hopsen, zeichnet sie schwups aufs Blatt. Und wenn ihr dann genau hinhört, erzählen sie euch ihre Geschichten...

Herzliche Grüsse, eure Brambrillas

14. Oktober 2015

An Halloween lernt ihr uns kennen

Hallo zusammen

Diese beiden Kerlchen lernt ihr an Halloween kennen... und was, die alles so treiben, erzählen wir euch bald...



Schöne Herbsttage wünschen euch die Brambrillas!

4. Oktober 2015

Herbstgrüsse verschicken

Mal ehrlich. Wann habt ihr zum letzten Mal einen Brief verschickt? Wir hatten früher Brieffreundinnen, die wohnten weit weg, in Australien zum Beispiel. Da gab es noch kein Internet. Und wir schickten uns viele Briefe hin und her. Gespannt wie ein Flitzebogen warteten wir auf den Briefträger, der uns die weit gereisten Zeilen überreichte. Wir finden Briefe immer noch toll. Man kann sie selbst gestalten, bekleben, Zeichnungen schicken. 


Ja, ein Brief braucht Zeit, aber es muss ja nicht immer alles ratzfatz gehen. Überrascht Freunde und Familie mit einem Brief. Wer mag, kann unseren Briefumschlag ausdrucken, an den gestrichelten Linien ausschneiden und zusammenkleben. Schreibt, was euch auf dem Herzen liegt, verschickt ein paar Herbstgrüsse oder im Wald gesammelte Blätter. Wer auch immer euren Brief bekommt, wird sich bestimmt RIESIG darüber freuen. Und wer weiss, vielleicht liegt dann auch schon bald in eurem Briefkasten ein hübsch gestalteter Umschlag.
Bis bald, eure Brambrillas

PS: Auch wir freuen uns natürlich immer über Post, Zeichnungen, Gedichte, Grüsse...


20. September 2015

Willi, der Waschbär


Das ist Willi, der mutige Waschbär. Er hat nicht vor vielem Angst, aber vor dem Zahnarzt, da hat er so richtig Muffensausen. Wie Willi dann doch noch seinen morschen Zahn losgeworden ist, kannst du in unserer Geschichte lesen.


Der mutige Waschbär Willi

Gut gelaunt stampfte Waschbär Willi durch den glasklaren Bach und tastete mit seinen Vorderpfoten geschickt unter den Steinen nach irgendetwas Essbarem. Was genau, das war egal, denn Waschbär Willi war nicht zimperlich. Ihm schmeckte so ziemlich alles: Fische, Krebse, Frösche, Schnecken, Nüsse. Was er zwischen die Finger kriegte, wurde genüsslich verschlungen, und das sah man dem nicht mehr ganz so schlanken Waschbären mit der Zeit leider auch an. 
Willi hatte sein ganzes Leben in der Nähe des Baches verbracht und war so was wie eine Berühmtheit. Die Waldtiere nannten ihn ehrfürchtig den mutigen Waschbären Willi, denn er hatte mehr als nur einmal seinen übergrossen Mut bewiesen. Willi hatte verirrten Menschenkindern den Heimweg gezeigt, gefährliche Erdrutsche vorausgesagt und dadurch viele Waldtiere vor dem sicheren Tod gerettet. Er hatte selbstlos sein Leben aufs Spiel gesetzt und beim grossen Unwetter zusammen mit den Bibern einen Schutzwall errichtet, um den Wald vor einer schrecklichen Flutwelle zu bewahren. Ausserdem war er der Einzige, der den launischen Braunbären Orso besänftigen konnte, wenn wieder einmal Vollmond war und der riesige Bär unberechenbar und unausstehlich wurde. 
Mit Rat und Tat stand der Waschbär jedem zur Seite, der eine helfende Pfote brauchte. Doch Waschbär Willi protzte nicht mit seinen zahlreichen Heldentaten, und wenn er ehrlich war, fand er das für ihn von den Waldtieren aufgestellte Denkmal etwas übertrieben, auch wenn er die Anerkennung durchaus schätzte, die ihm die Tiere damit entgegenbrachten. Trotzdem verstand Waschbär Willi den ganzen Wirbel um seine Wenigkeit nicht, denn er tat ja nur, was in seinen Augen jeder tun sollte, nämlich helfen, wenn er es konnte. Er hielt sich weder für besonders mutig noch genoss er sonderlich sein Ansehen. 
Je mehr Zeit verging und je mehr Tiere von seinen Heldentaten berichteten, desto unwahrer wurden die Geschichten, die man sich im ganzen Wald über Waschbär Willi erzählte. Die Waldtiere schmückten von Mal zu Mal seine Heldentaten gekonnt aus und genossen, zufrieden mit sich und ihrer herausragenden Erzählkunst, das ungläubige Staunen ihrer Zuhörer. Am Schluss kämpfte Willi in den Erzählungen allein gegen zehn gefährliche Wildschweine, obwohl schon seit Ewigkeiten kein einziges Wildschwein mehr im Wald gesichtet worden war. 
Oft hatte er darum gebeten, seine Heldentaten in der Vergangenheit ruhen zu lassen, denn je grösser sein Ruhm wurde, desto beobachteter fühlte sich der friedfertige Waschbär. Und jetzt, wo er langsam älter wurde, sehnte er sich mehr und mehr nach einem ruhigen Leben. 
Ständig musste er wegen seiner bewunderten Taten stark, besonnen und mutig auftreten. Niemals durfte er gegenüber den restlichen Waldbewohnern eine Schwäche zeigen. Kaum bemerkten diese auch nur die kleinste Veränderung in seinem Verhalten, befürchteten sie schon ein Unglück und fühlten sich im Wald nicht mehr sicher. 
Waschbär Willi war ein frohes Gemüt, und auch wenn ihm manchmal der Gedanke kam, einfach den Wald zu verlassen und sich ein neues Plätzchen zu suchen, wo ihn niemand kannte, konnte er sich nicht von seinem geliebten Bach trennen. Er wusste, dass es die Waldbewohner im Grunde nur gut mit ihm meinten. 
Etwas müde richtete sich der Waschbär auf, schaute sich um und hielt seine Schnauze schnuppernd in die Luft. 
“Mhmm, was für ein schöner Sommertag!”, brummelte er und erblickte einen schimmernden Fisch, der ahnungslos zwischen seinen Hinterpfoten herumschwamm. Waschbär Willi schmunzelte zufrieden. 
“Du machst es mir ja fast schon zu einfach!” 
Flink schnappte der Waschbär nach dem Fisch und ging fröhlich fiepend mit seinem eben gefangenen Mittagessen ans Ufer. 
Er schüttelte das nasse Fell und rubbelte den Fisch mit einem Stein ab, denn Fischschuppen mochte er nicht besonders. Zufrieden tauchte er den Fisch ins klare Bachwasser, schnupperte geniesserisch daran und biss schliesslich hungrig ins zarte Fischfleisch. Und da durchzuckte ihn ein grauenvoller, jämmerlicher Schmerz. Er wollte gerade laut aufschreien, als die liebliche Hirschkuh Mohini vor ihm stehen blieb und ihn freundlich anlächelte. 
“Einen wunderschönen Tag, Waschbär Willi”, grüsste sie ihn erfreut. 
Waschbär Willi versuchte, seinen ungeheuren Schmerz zu verbergen und nickte ihr mit leicht gequälter Miene zu, sodass Mohini etwas näher herankam und ihn besorgt begutachtete.
“Alles in Ordnung?”, fragte sie. 
“Keine Schorge, allesch in beschter Orgnung”, antwortete Willi tapfer und versuchte mit dem Bissen im Mund zuversichtlich zu lächeln. 
Erleichtert verabschiedete sich Mohini wieder und verschwand im Dickicht des Waldes. Kaum war die schöne Hirschkuh nicht mehr zu sehen, spuckte Waschbär Willi das Fischfleisch aus und hielt sich die schmerzende Backe. Schnell eilte er zum Bach und hielt seinen Kopf übers Ufer. Besorgt blickte ihm sein Spiegelbild entgegen. Er öffnete so weit es ging den Mund, und dann entdeckte er den Verursacher der schlimmen Schmerzen. Schwarz, völlig durchlöchert und morsch spiegelte sich der hinterste Backenzahn im klaren Wasser. 
“Himmel, isch hab ein Losch im Tschahn!”, stellte der Waschbär entsetzt fest, und wieder durchzuckten ihn fürchterliche Schmerzen. 
“Wasch masch isch denn jetscht?”, murmelte er verzweifelt und liess sich ins hohe Gras plumpsen. 
Und weil ein Unglück selten allein kommt, wurde er prompt von Christa, der Wespe, auch noch in sein wertes Hinterteil gepikst. 
“Aua!”, schrie Waschbär Willi, sprang auf und hielt sich das schmerzende Gesäss. 
“Tschuldige, aber irgendwie war ich gerade in Lebensgefahr”, summte Wespe Christa verschmitzt. 
Waschbär Willi sprang ins kühlende Wasser und seufzte erleichtert auf, als der pochende Stich nicht mehr ganz so schmerzte. 
“War meine Schuld, Chrischta”, sagte der Waschbär, der sich vorhin fast auf die Wespe gesetzt hatte. 
Wespe Christa schwirrte um seinen Kopf herum und schaute ihn genauso besorgt an wie Mohini kurz zuvor. 
“Erdrutsch in Sicht?”, fragte sie verängstigt. 
“Ach, wasch! Isch habe Tschahnschmertschen”, erklärte der arme Waschbär und schüttelte verärgert den Kopf. 
“Ach, dann ist ja gut”, erwiderte Wespe Christa erleichtert. 
“Nischt ischt gut!”, brummte Willi missmutig und hielt sich die schmerzende Backe. 
Wespe Christa machte es sich auf einer gelben Butterblume bequem und schaute mitfühlend auf Willis Backe. 
“Du musst zum Waldzahnarzt Jonathan. Der kann dir sicher helfen”, riet sie ihm. 
Waschbär Willi blickte erschrocken auf und schüttelte vehement den Kopf. 
“Hast du etwa Angst?”, fragte die Wespe und lachte summend auf. 
“Isch habe keine Angscht!”, antwortete der Waschbär nun wirklich wütend. 
In Wahrheit hatte Willi fürchterliche Angst vor dem Waldzahnarzt, aber sein Stolz liess es nicht zu, dies vor der kleinen Wespe zu zeigen. Waschbär Willi erhob sich etwas schwerfällig, watete aus dem Wasser und stolzierte tropfend an Wespe Christa vorbei, die im kopfschüttelnd nachschaute. 
“Alter Sturkopf!”, murmelte sie und schwirrte davon. 
Fünf Tage und fünf Nächte vergingen, ohne dass jemand etwas von Waschbär Willi hörte oder sah. Langsam begannen die Waldbewohner sich ernsthaft Sorgen zu machen. Es wurden sogar Suchtrupps zusammengetrommelt, aber nicht einmal die schlauen Füchse konnten Waschbär Willi aufspüren. Er war wie vom Erdboden verschluckt. Sie hatten jeden Flecken des Waldes nach ihm abgesucht. Na ja, fast. In die Nähe von Braunbär Orsos Höhle wagte sich natürlich keiner. Doch genau dorthin hatte sich Waschbär Willi verkrochen. In einem so schmerzlichen Moment war das Einzige, was er brauchte, Ruhe, und er wusste, dass er diese nur bei Orso finden konnte. Keines der Waldtiere würde sich nämlich je freiwillig in diese Gegend trauen. 
Etwas ausser Atem hatte Waschbär Willi die gut versteckte Höhle erreicht. Erschöpft und immer noch von schrecklichen Zahnschmerzen geplagt hatte er sich vor Orsos Höhle auf den Boden fallen lassen und streckte völlig abgekämpft alle vier Pfoten von sich. Dankbar genoss er die beruhigende Stille. Nur das rhythmische Klopfen eines Buntspechts war aus der Ferne zu hören. Es hätte so schön sein können, wenn nur nicht diese schrecklichen Zahnschmerzen gewesen wären. Waschbär Willi richtete sich auf und versuchte, nicht auf seinen laut knurrenden Magen zu achten. Seit Tagen hatte er wegen seines faulen Zahns nicht das kleinste Bisschen essen können. 
“Was willst du hier?”, fragte Orso grimmig, der nach seinem Mittagsschlaf gähnend aus der Höhle trat und sich gemächlich an der Sonne streckte. 
“Ruhe, isch will Ruhe! Ischt dasch klar? Dasch ischt mein Platsch und dasch ischt dein Platsch!”, schrie Waschbär Willi aufgebracht und gestikulierte wild mit einer Pfote, während er sich mit der anderen die schmerzende Backe rieb. 
“Ist ja gut!”, brummte der riesige Bär erstaunt, der den sonst freundlichen Waschbären noch nie so erlebt hatte. 
Orso setzte sich vor seine Höhle und beobachtete schweigend seinen unverhofften Gast. 
“Wasch gugscht du scho blöd?”, nuschelte Willi unfreundlich. 
“Warscht du in Frankreisch oder wasch?”, ahmte der Bär den Waschbären amüsiert nach. 
Wütend sprang Willi auf und eilte auf Orso zu, riss die Schnauze weit auf und zeigte dem Bären seinen kranken Zahn. 
“Schieht dasch etwa nach Ferien ausch?”, fragte Willi wütend und verzog vor Schmerzen das Gesicht. 
“Oh!”, brummte Orso mitfühlend. “Du musst zum Waldzahn...”, sprach er weiter, doch Willi unterbrach ihn, bevor er den Satz zu Ende sprechen konnte. 
“Ich brausche keinen Schahnartscht und keine Meditschin! Und isch habe keine Angscht!”, schrie Willi und blickte dem Bär stur entgegen. 
“Schrei doch nicht so! Ist ja schliesslich deine Sache, was du machst”, erwiderte Orso leicht beleidigt und erhob sich, um jagen zu gehen. 
“Genau, geh nur und lasch misch endlisch in Ruhe!”, nuschelte Willi müde.

Der arme Waschbär war schon ganz benommen vor Schmerzen, als Orso mit einer grossen, eben gefangenen Forelle in der Schnauze zurückkam. Schweigend machte es sich der Bär vor seiner Höhle bequem und biss genüsslich in den Fisch. Unauffällig schielte Waschbär Willi mit geschwollener Backe zu Orso rüber, der Willis hungrige Blicke natürlich bemerkte. 
“Hunger?”, fragte er beiläufig. 
“Natürlisch nischt!”, erwiderte der Waschbär trotzig, doch sein laut knurrender Magen verriet ihn. 
Orso schüttelte über Willis Sturheit amüsiert den Kopf, halbierte den Fisch und warf ihn Willi vor die Füsse. 
“Leiden ist nicht mutig”, fügte er bloss an und kaute schmatzend weiter. 
“Wasch hat dasch mit mir tschu tun?”, fragte Willi wütend, nahm schliesslich einen ganz kleinen Bissen von der Forelle und kaute vorsichtig darauf herum. 
“Wenn du mich fragst, jede Menge”, antwortete Orso. 
Waschbär Willi zuckte gleichgültig mit den Schultern. 
“Weisst du denn nicht, dass es mutiger ist, etwas gegen das Leiden zu tun, als es einfach wie ein Feigling zu ertragen?”, brummte Orso weiter. 
“Feischling!? Isch bin kein Feischling!”, verteidigte sich Waschbär Willi entrüstet und streckte dem Bären kampfbereit seine kleinen pelzigen Waschbärenfäustchen entgegen. 
“Dann lass dir helfen, mein Freund”, erwiderte Orso, erhob sich seufzend und kam auf Willi zu. 
Willi schaute blinzelnd zum mächtigen Braunbär auf, der nun in seiner ganzen Grösse vor ihm stand und einen riesigen Schatten auf ihn warf. 
“Isch brausche keine Hilfe!”, sagte Willi trotzig und schluckte verängstigt. 
“Du bist stur wie ein Esel, aber ich mag dich und deshalb, du wirst mir verzeihen müssen, tue ich das jetzt!”, sprach der Bär und zuckte entschuldigend mit seinen breiten Schultern. 
“Wasch willscht du damit schagen?”, fragte der Waschbär misstrauisch. 
Doch statt ihm zu antworten, versetzte Orso dem Waschbären einen möglichst sanften Schlag, hob ihn auf die Schultern und machte sich mit seinem bewusstlosen Freund auf den Weg.

“Was? Wo? Wer bin isch?”, lallte Waschbär Willi etwas später und versuchte vergeblich, all die leuchtenden Sternchen vor den flimmernden Augen zu zählen. Er kniff einige Male die Augen zusammen, und als sich sein Blick wieder klärte, schaute er einem freundlich blickenden Mann entgegen, der einen weissen Mundschutz trug. 
“Schahnartscht! Hilfe! Wo ischt der Auschgang?”, jammerte Willi verzweifelt. 
Schnell versuchte er vom Zahnarztstuhl hinunterzusteigen, Orsos kräftige Pranke hielt ihn aber sanft zurück. 
“Danke. Sie sind wahrlich der perfekte Assistent”, lobte Waldzahnarzt Jonathan den Bären, der geschmeichelt lächelte. 
“Und jetzt zu Ihnen, Waschbär Willi”, sprach der Waldzahnarzt und blickte ernst. 
Willi zuckte nervös mit den Augen und schaute verängstigt zu Orso hoch, der ihm beruhigend zuzwinkerte. 
“Sie leiden an einer fortgeschrittenen Zahnkaries. Der Zahn muss raus!”
“Rausch?”, wiederholte Waschbär Willi entsetzt. 
“Sofort!”, bestätigte der Zahnarzt und nickte wieder ernst. 
“Möchten Sie eine Narkose?”, fragte er fürsorglich und hob eine kleine Spritze, die mit einer gelben Flüssigkeit gefüllt war. 
Waschbär Willi schluckte zweimal und fasste Mut. 
“Natürlisch keine Narkosche! Isch bin dosch der mutige Waschbär Willi!” sagte er, schloss tapfer die Augen und riss den Mund so weit auf, wie es ging. 
Doch Orso nickte dem Zahnarzt hinter Willis Rücken heftig zu und deutete ihm an, die Spritze auf jeden Fall zu benützen. Ruckzuck und Piks machte es, und Willi fühlte sich plötzlich, als würde er auf einer flauschigen Wolke schweben. 
“Wasch? Wo? Wer bin isch?”, fragte er leicht lallend und fiel sofort in einen tiefen sanften Schlaf. 
Und während Waschbär Willi von saftigen Forellen träumte, befreite ihn Waldzahnarzt Jonathan von seinem kranken Zahn. 
Als Waschbär Willi wieder zu sich kam, lag er bequem im hohen Gras vor Orsos Höhle. Er richtete sich etwas unbeholfen auf und erblickte den Bären, der ihm freundlich zulächelte. Und plötzlich kam Waschbär Willi wieder in den Sinn, was alles passiert war. 
“Du bist...”, wetterte er los und bemerkte erstaunt, dass er überhaupt keine Zahnschmerzen mehr hatte. 
Der Waschbär grinste erleichtert und blickte überglücklich zu Orso.
“Du bist ein echter Freund!”, bedankte er sich strahlend. 
“Und du warst wirklich mutig”, entgegnete Orso und lachte dröhnend.
Waschbär Willi erhob sich und näherte sich dem Braunbären. 
“Sag mal, wir sind doch jetzt Freunde fürs Leben, nicht?” 
Orso vermutete bereits, worauf Willi hinauswollte und sah ihm schmunzelnd entgegen. 
“Keine Sorge. Ich werde niemandem unser Geheimnis verraten”, versprach er. 
“Es wagt sich ja eh keiner hierhin, dem ich davon erzählen könnte”, sprach Orso weiter und schob Willi schmunzelnd ein braunes Fläschchen zu. 
“Was soll ich denn damit?”, fragte Willi erstaunt. 
“Das hat mir Doktor Jonathan für dich mitgegeben. Das ist Meditschin!”, erklärte er breit grinsend. 
“Die musst du eine Woche lang nehmen, damit die Wunde in deinem Mund gut verheilt”, erklärte Orso seinem Freund. 
Waschbär Willi rümpfte die Nase, doch dieses Mal war er so mutig und nahm gleich einen kleinen Schluck davon. 
“Gar nicht so schlecht, diese Medizin!”, stellte Willi erstaunt fest. 
Orso lachte wieder dröhnend und erhob sich. 
“Und jetzt ist Ruhe! Ich bin müde!”, brummte er, gähnte ausgiebig und ging in die Höhle, um sich für den wohlverdienten Winterschlaf hinzulegen. 
Waschbär Willi winkte ihm zum Abschied zu und machte sich gut gelaunt auf den Heimweg. 
Überglücklich über Willis Rückkehr erzählten sich die Waldbewohner schon kurze Zeit später wieder die abenteuerlichsten Geschichten über die Zeit, als Waschbär Willi eine ganze Woche lang verschwunden war. Und dieses Mal hatte der mutige Waschbär Willi gar nichts gegen die Heldengeschichten, die über ihn erzählt wurden, einzuwenden. Zufrieden lag er am Ufer seines Waldbaches, nahm einen grossen Schluck Medizin und fiepte glücklich.

© 2015 Brambrilla / Daniela und Isabella Cianciarulo

13. September 2015

Herbstsonne der blättrigen Art

Ihr Lieben 
Es herbstelt, denn die ersten Blätter färben sich wunderprächtig ein. Aus Grün wird Gelb, Rot, Hellbraun, Orange und Violett. Wenn ihr das nächste Mal in den Wald oder in den Park geht, sammelt ein paar gelbe Blätter und legt euch die Sonne zu Füssen. 


6. September 2015

Linus ist nicht gleich minus

Linus ist vier Jahre alt und wenn seine Schwester Pia ihm den Ball zuwirft, kann er ihn schon ganz gut fangen. Beim Laufen und Sprechen hat er Probleme, aber das wird er auch noch lernen. Fürs Anziehen, fürs Essen braucht er mehr Zeit als Pia oder die meisten Kinder in seinem Alter. Manchmal verliert Pia die Geduld, aber das passiert Mama und Papa auch. 
„Gemeinsam werden wir es schon schaffen“, meinen Mama und Papa zuversichtlich. 
Schwierig ist es immer dann, wenn Erwachsene oder Kinder, die Linus nicht kennen, ihn anstarren. Am Schlimmsten ist es, wenn Linus im Laden plötzlich los schreit und nicht mehr weiter will, und keiner versteht genau, weshalb. Auch wenn Pia Linus wirklich lieb hat, ist er ihr in solchen Momenten nur peinlich. 
Manchmal streitet Pia mit Linus, obwohl sie das gar nicht möchte. Doch Linus ist dann so nervig, wie andere Brüder eben auch. 
Er singt gerne laut und fröhlich, wenn sie im Stau stehen, Mama Kopfweh hat oder Pia am Sonntag länger schlafen will. Linus muss immer wieder alle Zahlen aufzählen, die er kennt. Und da er sich nur die Zahlen von eins bis sieben merken kann, ist es auf Dauer sterbenslangweilig, ihm zuhören zu müssen. Seine Lieblingszahl ist die Null und die schreibt er überall drauf  Am liebsten auf Pias Zeichnungen oder auf die Wände ihres Zimmers. Er spült ihren Goldfisch das Klo runter, damit dieser ins Meer zurückkann. Dann schreit Pia wie Linus, aber zumindest verstehen Mama und Papa, wieso sie schreit. An solchen Tagen, wenn es ihr mit Linus zu viel wird, klettert Pia in ihr Baumhaus, das Papa nur für sie gebaut hat, um ungestört zu sein. Linus rennt ihr nach und hält die Arme zu ihr hoch. 
„Linus ist eine Null! Nein, noch schlimmer! Linus ist gleich minus! Geh weg!“, schreit sie ihren kleinen Bruder wütend an und bereut es sogleich, wenn er weint, weil er nicht verstehen kann, wieso Pia böse auf ihn ist. 
Linus braucht nur „piep“ zu machen und schon rennen alle zu ihm. Pia kann machen, was sie will, Linus kommt immer zuerst. 
„Hey, ich bin auch noch da!“, möchte Pia von ihrem Baumhaus aus in die Welt rufen, aber sie lässt es bleiben, weil ihr Papa erklärt hat, dass Linus den Weg aus Mamas Bauch nicht so schnell gefunden hat und daher etwas mehr Zuwendung von ihnen allen braucht, um sich nun in der Welt zurechtzufinden. 
Als Mama am Abend in Pias Zimmer vorbeischaut, um gute Nacht zu sagen, zieht sich Pia traurig die Bettdecke über den Kopf und schweigt. 
„Was ist denn meine Grosse?“, fragt Mama besorgt und setzt sich zu ihr aufs Bett.
„Ich will nicht, dass Linus so ist wie er ist. Das macht mich traurig!“, murmelt Pia unter der Decke.
„Am Anfang waren wir auch traurig, aber jetzt haben wir Linus lieb so wie er ist“, sagt Mama und kneift Pia sanft in die Nase. 
„Steck ihn zurück in deinen Bauch zur Reparatur und dann holen wir ihn wieder gesund raus“, sagt Pia stur.
„Ach, Pia“, antwortet Mama schmunzelnd, als draussen ein Paukenschlag ertönt.  
Mama und Pia schauen vom Fenster aus auf Papa und Linus, die in ihren gelben Regenmänteln ein Verscheuchkonzert veranstalten, um die Regenwürmer, die Linus am liebsten von allen Tieren mag, vor den Spatzen zu retten. 
„Siehst du?“, sagt Mama lächelnd, „Wenn Linus nicht Linus wäre, wer würde uns dann so zum Lachen bringen? Stell dir vor, er wäre immer so schlecht gelaunt wie dein Cousin Otto!“
Pia verzieht das Gesicht: „Griesgram Otto als Bruder. Das wäre das Allerallerschlimmste! Linus ist nicht gleich minus, denn er zeigt mir die Welt wie kein anderer. Wir tanzen zum Traktorentakt des Bauern, staunen darüber wie schön die Regentropfen nach einem Gewitter im Spinnennetz funkeln oder wir zählen die schwarzen Punkte der Marienkäfer“, sprudelt es aus Pia, als sie an all die schönen Dinge denkt, die sie mit Linus erleben und von ihm lernen kann.

Als Mama und Papa am Sonntag unter dem Sonnenschirm liegen und schlafen, beobachtet Linus im Gras liegend eine Ameisenstrasse und zählt die fleissigen Tierchen, die über seinen Zeigefinger krabbeln. Pia legt sich zu ihm.
„Null, eins, zwei, drei, vier, fünf, sechs, null, eins...“, zählt Linus konzentriert.
„Nach der Sechs kommt die Sieben“, erklärt ihm Pia und hebt ihre sieben Finger. 
Ein Marienkäfer landet dabei direkt auf ihrer Nase. Kichernd beginnt Linus, die Punkte auf seinen Flügeln zu zählen.
„Null, eins, zwei, drei, vier, fünf, sechs, sieben.“
Glücklich möchte Pia Papa und Mama wecken, um ihnen zu sagen, dass Linus jetzt bis sieben zählen kann. Doch ihre Eltern schlafen gerade so schön. Sie wird sie später damit überraschen. Linus hält seinen Zeigefinger sanft auf Pias Nasenspitze und der Marienkäfer klettert drauf.
Linus lächelt wie ein Honigkuchenpferd und bringt auch Pia zum Lachen.
„Vielleicht hast du andere Punkte auf deinen Flügeln als ich, aber für mich bist du der schillerndste Käfer von allen“, sagt Pia und beobachtet mit Linus wie der Marienkäfer seine Flügelchen hochklappt und leise brummend zum Himmel schwirrt. 

15. Juni 2015

Tag des Lächelns

Hallo zusammen

Heute feiern wir unser Lächeln! Habt ihr gewusst, dass lächeln die Muskeln lockert und uns glücklich macht. Wenn euch eine Laus über die Leber gekrochen ist, gibt es nichts besseres als die Mundwinkel nach oben zu ziehen und bis über beide Ohren zu strahlen! 53 Muskeln bewegt ihr gleichzeitig beim Lachen. Für ein Mini-Lächeln genügen schon zwei;-)  Lächeln ist ansteckend! Versucht mal grimmig die Stirn zu runzeln, während euch jemand angrinst. Das ist gar nicht so leicht! Also, schenkt heute jedem ein Lächeln!

12. Juni 2015

Igittigitt!

Heute gibt's die Geschichte von Alex, der ab und zu mal was rauslässt, das unserem Näschen nicht ganz mundet. Und ab und dann holt er aus seiner Nase ein Popelchen, das wir nicht ganz so lecker finden wie er. Und rülpsen kann er wie ein Weltmeister... Aber lest selbst. So anderes als wir ist er doch gar nicht;-)


Igittigitt!!!

Alex ist sechs. Er mag Himbeerlimo, Omas Bohnensalat und die Stupsnase seiner Freundin Lisa. Er ist mal nett, mal frech, mal traurig, mal fröhlich, und ab und zu ist er auch igittigitt, denn im Kindergarten trinkt Alex literweise Himbeerlimo und rülpst dann röhrend wie ein Elch. 
Mittags bei Oma isst er kiloweise Bohnensalat und pupst dann im Hallenbad, dass es nur so sprudelt.
Abends schaut er sich mit Lisa gerne Zeichentrickfilme an und bohrt dabei in der Nase rum und dann – na ihr wisst schon.

“Alex, lass das!”, sagt der Papa.
“Weshalb?”, fragt Alex.
“Weil es unanständig ist!”, sagt die Mama.
“Warum?”, will Alex wissen.
“Weil man das vor den anderen nicht tut”, erklärt Lisa naseweis.
“Sagt wer?”, fragt Alex.
Papa und Mama schauen sich überfragt an.

Oma kommt zu Besuch und hat eine Idee.
“Lasst uns in den Zoo gehen. Von den Tieren kann man immer etwas lernen.”
Beim Zooeingang lächelt Lisa Alex entgegen und er weiss nicht mehr, was er sagen soll, schaut nur noch auf ihre süsse Nasenspitze.
“Hallo, jemand zu Hause?”, fragt Lisa und kneift Alex in den Arm. “Komm wir gehen zum Gorilla, den find ich lustig.” 

Quietschfidel popelt der Gorilla in der Nase rum und steckt den frisch beladenen Finger in den Mund. 
“Igittigitt!”, rufen alle. 
Selbst Alex rümpft die Nase.

Das Flusspferd verschlingt hungrig einen Salat nach dem anderen und rülpst dann ohne Scham. 
“Igittigitt!“, ruft nun auch Alex.

Ein Gehege weiter posaunt der Elefant sein Liebesglück in die Welt hinaus und lässt vor lauter Freude einen stinkenden Pupser fahren. 
“Hat er das von dir abgeguckt?”, fragt Lisa Alex und hält sich grinsend die Nase zu.

Und plötzlich findet Alex sein Gepupse-Rülpsen-Popeln gar nicht mehr so lustig und ist ganz still.
“Das ist doch alles gar nicht so schlimm!“, meint Lisa. „Jeder popelt, rülpst und pupst. Mach ich doch auch, aber einfach nicht vor allen Leuten!“ 
Und bevor Alex weiss, wie ihm geschieht, drückt Lisa ihm einen Kuss auf die Wange und flüstert ihm noch etwas zu. Alex nickt und kriegt ganz rote Ohren.
“Na, ihr beiden. Was heckt ihr wieder aus?”, wollen Mama, Papa und Oma wissen.
“Nix!”, antworten Lisa und Alex kichernd und rennen Hand in Hand nach Hause, trinken literweise Himbeerlimo und veranstalten einen Rülpswettbewerb der Extraklasse. 

© 2015 Brambrilla / Isabella und Daniela Cianciarulo

1. Juni 2015

Zucchini Blüte

Wusstet ihr, dass die Zucchinipflanze so schöne gelbe Blüten hat? Unser Kater Raphi jedenfalls findet sie wunderhübsch. Man muss schon genau hinsehen, um sein Schnäuzchen zu entdecken...



29. Mai 2015

Prinz Picobello




Prinz Picobello 

Prinz Picobello sitzt zufrieden in seinem Zimmer
umgeben von einem Spielsachenchaos wie immer.
Ein Feuerwehrauto hier, ein gelesenes Buch dort.
Da kommt des Prinzen Mutter und schimpft mit ihm sofort.

“Spielsachen in die Truhe! Bücher ins Regal!”
Doch Prinz Picobello ist ihre Schelte egal.
“Na schön, du Bengel. Dann gibt’s halt keinen Kuchen, 
den kannst du sonst wo suchen!”

Prinz Picobello denkt sich: “Ich muss hier fort 
und zwar noch heute,
mich langweilen Schloss und Leute.
Er rennt zur Tür, wirft in eine Ecke seine goldene Krone,
denn Prinz zu sein interessiert ihn nicht die Bohne.

“Stattdessen hüpft er auf einem Bein zum Stall,
und nervt das Vieh mit dem königlichen Ball.
Er wirbelt auf Heu und Staub.
“Ich mach, was ich will und stell mich taub!”

Da kommt der Stallbursche mit der Mistgabel,
erblickt das Chaos und fühlt sich miserabel.
“Herrjeh, Chaosprinzen sind eine Plage. 
Glaubt mir, Hoheit, wenn ich‘s euch sage.”

Picobello lacht sich krumm, steigt aufs Ross
und entfernt sich vom öden Schloss.
Er erlebt zig Abenteuer, trifft auf faule Drachen 
und schöne Feen,
badet nackt in eiskalten Bergseen.

Es ist wonniger Mai 
und Prinz Picobello fühlt sich endlich frei.
Da bläst der Wind ein Duft ihm in die Nase – Schokolade!
Die liebt er mehr als Erdbeermarmelade.

Schnell aufs Ross,
galoppierend zurück zum wohl riechenden Schloss.
Am Küchenfenster drückt er die Nase platt.
“Ich sterb vor Hunger, ich fühl mich schon ganz matt!”

Auf dem Tisch – oh Glück! – steht eine Schokoladentorte,
des Prinzen absolute Lieblingssorte.
Picobello schleicht in die Küche, streckt den dreckigen Finger nach dem Schmaus,
doch die Königin entdeckt die freche Laus.

“Finger weg, du rotznasiger Schelm,
sonst kriegst du was auf deinen Helm!
Hast du etwa die Hausregel vergessen?
Für böse Jungs gibt‘s nichts zu essen.”

Der Prinz rennt rauf die Treppe,
zerreisst dabei der braven Schwester die seidige Schleppe.
Wirft alles in die Truhe
und hofft endlich auf Ruhe.

Alles ist an seinem Platz,
sogar die zahnlose Katz.
“Ach, wie langweilig!
Alles so scheinheilig!”

Da schreit der Prinz: ”Ich kusch doch nicht wie eine feige Maus. 
Ich muss hier schnell  wieder raus!”
Und Picobello nimmt alles wieder aus der Truhe,
fertig mit der ordentlichen Ruhe!

Der Prinz rennt runter die Treppe,
zerreisst der Schwester die zweite Schleppe.
“Ich mach Chaos, na und?
Das macht die Welt doch erst bunt!”

Da kommt aus der Küche die Mutter,
mit einem Gesicht wie saure Butter.
“Picobello, du stures Kind, 
verlass das Schloss und zwar geschwind!”

Der Prinz lässt‘s sich nicht zweimal sagen,
im Leben muss man halt was wagen.
Er greift husch zur Torte,
denn er ist – wie wir wissen – von der frechen Sorte.

Er steckt sie in den Sack,
bereit für weiteren Schabernack.
Rennt aus der Küche, rauf aufs Ross,
und sagt “Tschüss!” zum kleinkarierten Schloss.

Picobello ist wahrlich kein frommes Lamm,
aber der Apfel fällt bekanntlich nicht weit vom Stamm...

© Brambrilla / Daniela und Isabella Cianciarulo

22. Mai 2015

Die Geschichte des alten Fischers Yanni, der den Horizont besuchen wollte - Teil 4

Hallo zusammen

Yannis Geschichte geht heute zu Ende. Wir wünschen viel Spass beim Lesen und ein gemütliches Pfingswochenende!



MOBY DICKS URURURURURURURUR-ENKEL


Am nächsten Morgen wollte Yanni aus dem Bett springen, doch seine Muskeln waren steif und er spürte, dass er als alter Mann ins Bett gegangen und als alter Mann wieder aufgewacht war. Er eilte so schnell es ging zu seinem Spiegel. Verwundert berührte er sein gefurchtes Gesicht, unschlüssig darüber, ob er froh oder traurig sein sollte, oder, ob dies ein Zeichen war, nach Hause zu kehren. Nachdenklich ging er wieder an Deck und kontrollierte sein Netz, bevor er es mit einer weit ausholenden Bewegung ins Meer warf. 
Nachdenklich schaute er zum Horizont und hätte wahrscheinlich Stunden so dagesessen, hätte ihn nicht ein junger sich im Netz verfangener Delfin aus den Gedanken gerissen. Schnell holte Yanni sein scharfes Messer hervor, um das Tier zu befreien. 
«Beinahe wärst du erstickt!», sagte Yanni besorgt. 
«Danke Yanni, das werde ich dir nie vergessen!», rief der Delfin erleichtert. 
«Ach was! Bald wirst du dich nicht mal mehr an meinen Namen erinnern.»
«Vielleicht trifft das auf euch Menschen zu. Ich meine, was ich sage. Ich werde mich ein Leben lang an deine Hilfe erinnern», entgegnete der Delfin und schwamm näher ans Boot heran. 
Yanni beugte sich zu ihm runter und strich ihm liebevoll über die Schnauze, was dem Delfin einen freudigen Klicklaut entlockte. 
«Ich bin übrigens nicht zufällig hier. Man hat mir berichtet, dass du den Weg zum Horizont suchst und niemandem glauben willst, dass dein Unterfangen hoffnungslos ist», erklärte ihm der Delfin. 
Yanni kratzte sich verlegen am Kopf. 
«Da mir nicht mehr so viel Zeit bleibt, war ich vielleicht etwas zu verbissen», rechtfertigte er sich. 
«Ich kann dich verstehen. Auch mein Vater hat nach dem Weg gesucht und ihn erst jetzt gefunden», verriet ihm der Delfin. 
Yanni horchte auf.
«Er hat es geschafft?»
«Ja, genau wie deine Eltern. Auch du wirst es schaffen, glaub mir, aber du musst dich noch ein bisschen gedulden», sagte der Delfin und zwinkerte ihm ein letztes Mal zu, bevor er sich auf den Weg machte. 
«Warte!» schrie ihm Yanni verwirrt nach. «Was willst du damit sagen?» 
»Geduld, Yanni. Alles hat seine Zeit», verabschiedete sich der Delfin und bevor Yanni etwas erwidern konnte, verschwand er in den Wellen. 
Yanni blickte ihm nach und wusste in seinem Herzen, dass der Delfin ihm die Wahrheit gesagt hatte. Alles hatte seine Zeit. Und jetzt war es an der Zeit nach Hause zu kehren und von den Erinnerungen an seine erstaunlichen Abenteuer zu zehren. Er hatte auf seiner Reise zwar nicht den Horizont erreicht, dafür aber Octo, Cala, Astrapi und all die restlichen Meeresbewohner kennengelernt. Das war mehr als er sich je erträumt hatte.
Yanni lichtete den Anker und stellte fest, dass er gar nicht mehr wusste, wo er sich befand und in welche Richtung er sein Boot hätte lenken müssen. 
Er blickte um sich und zuckte gelassen mit den Schultern.
«Mein Freund, der Wind, wird mich schon ans richtige Ufer lenken.»

Mehrere Tage und Nächte trieb der Wind Yanni nach Hause, während er die außergewöhnlichen Abenteuer der letzten Tage niederschrieb, um auch nichts zu vergessen. Das Meer war spiegelglatt. Ab und zu kreischte eine hungrige Möwe. Und dann hörte Yanni ein tiefes brummendes Lachen. Erstaunt blickte er um sich, doch er konnte niemanden sehen. Er wollte gerade die Geschichte mit dem jungen Delfin zu Ende schreiben, als das Boot meterhoch aus dem Meer gehoben wurde. Verängstigt hielt sich Yanni an einem Tau fest und hörte, wie um ihn herum das Wasser rauschend nach unten strömte. Für kurze Zeit herrschte wieder absolute Stille. Nichts regte sich. Zögernd stand Yanni auf und schaute vorsichtig über den Bootsrand. 
«Verrückt! Einfach verrückt!», sprach er leise. 
Sein kleines Boot stand nicht mehr im Wasser, sondern auf dem Rücken eines riesigen Blauwales. 
«Na, komm zu mir runter. Ich werde dich schon nicht auffressen. Ich finde Menschen äußerst unappetitlich», versicherte ihm der Wal lachend und schielte zu Yanni hoch. 
Mit einem mulmigen Gefühl seilte sich Yanni auf dem feuchten Rücken des Wales runter und setzte sich auf dessen Kopf.
«Entspann dich, mein Freund. Ist das nicht ein herrlicher Tag?», fragte er und pfiff vergnügt durch sein Atemloch. 
«Ja, ein wunderschöner Tag», antwortete Yanni leise. 
«Du bist also auf dem Heimweg. Wenn du magst, nehme ich dich ein Stückchen mit und wir plaudern ein bisschen. Ich soll dich übrigens von allen grüßen», bemerkte der tonnenschwere Koloss.
Yanni dankte ihm erfreut und genoss die außergewöhnliche Sicht aufs Meer.
«Verrückt! Einfach verrückt!», murmelte er staunend. 
«Ach, so verrückt, auch wieder nicht. Mein Ururururururururgroßvater Moby Dick hat immer gesagt: Es gibt nichts, was es nicht gibt.»
Yanni nickte zustimmend.
«Und? Hast du herausgefunden, warum du dich immer wieder in den jungen Yanni verwandelt hast?», fragte ihn der Wal. 
Yanni zuckt überfragt mit der Schulter.
«Hast du wenigstens eine Ahnung, warum du stundenlang im Meer schwimmen konntest wie ein Fisch?»
Wieder hatte Yanni keine Antwort.
«Du hast dir doch was gewünscht oder nicht?», neckte ihn der Wal.
Yanni kam ins Grübeln. Es fiel ihm wieder nur sein Wunsch ein, den Horizont zu besuchen. 
«Nein, nicht dieser Wunsch! Es war Acheloos, der Vater der Sirenen, der dir dieses Geschenk gemacht hat», verriet er lächelnd. 
«Der Vater der Sirenen?», fragte Yanni und machte große Augen.
«Wieso gerade mir?», wunderte sich Yanni.
«Deine Rübe wird wohl langsam alt, was?», zog ihn der Wal auf.
«Mein Ururururururururgroßvater Moby Dick hat immer gesagt, man soll sich gut überlegen, was man sich wünscht.»
Yanni zuckte überfragt mit den Schultern.
«Du hast versprochen, den Menschen von uns und unseren Sorgen zu erzählen, wenn du wieder jung sein könntest. Klimawandel, Fischsterben, Umweltverschmutzung. Schon vergessen?»
Traurig blickte Yanni auf seine alten Hände.
«Aber schau mich an, ich bin nicht mehr der Jüngste und werde wohl kaum noch genug Zeit haben, um mein Versprechen zu halten.»
«Mach dir keine Sorgen. Es wird sich schon ein Weg finden. Jeder kleinste Schritt zählt. Und du bist ja nicht allein auf dieser Welt. Wir bringen dich jetzt erst mal nach Hause», munterte ihn der Blauwal auf.
Und endlich begriff Yanni, was der Wal und all die anderen Tiere ihn gelehrt hatten. Alles hängt zusammen. Wir machen alle Fehler. Wichtig ist es, daraus zu lernen. Ohne einander würde das Leben nicht viel Sinn, geschweige denn Freude machen.  
«Festhalten, ich schalt jetzt mal den Turbo ein!», warnte Moby Dicks Ururururururururenkel Yanni und schwamm los, um den alten Fischer so schnell wie möglich nach Hause zu bringen.

WIEDER  ZU HAUSE

Als Yanni seine Insel wieder erreichte, blickten ihn die Dorfbewohner an als würden sie einem Geist gegenüberstehen. Es grenzte für sie an ein Wunder, dass er immer noch lebte, während er sich nicht über die lange Zeit wunderte, die er weg gewesen war. Seine Reise hatten ihn gelernt, dass es nichts gibt, was es nicht gibt. 

Bäcker Nikos blickte ihn ungläubig an und rechnete sich aus, dass Yanni zehn Jahre weg gewesen war und somit schon fast hundert Jahre alt sein musste.
«Verrückt so was! Einfach verrückt!», murmelte er.
Nur Sofia war nicht ganz so erstaunt, ihren lieben Freund wieder in die Arme schließen zu können. Eine Stimme in ihrem Herzen hatte sie nie die Hoffnung verlieren lassen. Und nun saß sie mit den restlichen Dorfbewohnern bei Yanni vor dem Haus und erfuhr von Octo, dem kurzsichtigen Tintenfisch und von Cala, der weisen Schildkröte. Zum Beweis zeigte ihnen Yanni die Schwimmhäute, die ihm zwischen den Fingern geblieben waren. Sie staunten nicht schlecht, als sie von den Sirenen hörten und von Astrapi, dem Haifisch, der seine ganz spezielle Zahnseide benutzte, und von all den anderen Meeresbewohnern, die dort in einer wunderbaren, aber bedrohten Parallelwelt lebten. Als die Inselbewohner von Yannis Versprechen hörten, den Tieren zu helfen, zögerten sie nicht lange. Alle gemeinsam dachten sie darüber nach, wie man das Steuer noch herumreißen konnte bevor es endgültig zu spät war. Stavros, der Barbesitzer, entschied sich ein Solardach zu bauen und das biologisch angebaute Gemüse seines Onkels für die Speisekarte zu benutzen. Der eine nahm sich vor, auch mal das Fahrrad statt das Autos zu benutzen. Das ganze Dorf einigte sich darauf, den Abfall umweltgerecht zu entsorgen und weniger Plastik zu benutzen. Nikos wollte kleine Meerestiere aus Hefeteig backen und einen Teil des Erlöses für interaktive Aufklärungsprojekte mit Kindern aufwenden, während Yanni weiterhin allen, die ihm zuhören wollten, von seinen Meeresfreunden, vom Horizont und von den kleinen Dingen, die der Mensch tun konnte, um etwas zu verändern, erzählte. Er besuchte Schulen und Altersheime, Dörfer und Städte. Und als er dann doch zu alt dafür wurde und sein Gedächtnis etwas nachließ, erzählte Sofia die Geschichten und sorgte dafür, dass Yannis Erlebnisse nicht verloren gingen.
Neue Touristen kamen auf die Insel, und erfuhren so von Yannis Geschichten, die ihren bisherigen Blick auf das Meer und seine Bewohner veränderten. Immer noch kreuzten die grossen Dampfer vor der Insel auf. Immer noch warfen die einen ihren Abfall ins Meer. Doch andere taten sich zusammen, um den Strand mit ihren Kindern vom Abfall zu säubern.

Eines Abends saß Yanni vor seinem Haus und blickte auf den Horizont. Die Sonne ging gerade unter und tauchte das Meer in schimmerndes Gold, als der alte Fischer ein bekanntes Klickgeräusch hörte. Kurz darauf sprang ein stattlicher Delfin aus dem Wasser. Yanni wusste, dass der Horizont nun auf ihn wartete und machte sich gelassen auf den Weg. 
Als Sofia am nächsten Tag vorbeikam, um Yanni das Mittagessen vorbeizubringen, hatte dieser sein Haus aufgeräumt und eine Nachricht für sie hinterlassen.
«Liebe Sofia. Ein alter Freund hat mich zu sich eingeladen. Es wird ein Weilchen dauern, bis wir uns wiedersehen, aber mach dir keine Sorgen. Alles hat seine Zeit.»

Und wenn wir uns heute oder morgen etwas Zeit nehmen, können wir, wo auch immer wir gerade sind, sehen, wie der alte Fischer Yanni auf der feinen Linie zwischen Himmel und Erde einen gemütlichen Spaziergang macht und neue Geschichten in den Wind schreibt, die auf die eine oder andere Weise zu uns gelangen.

© Text und Zeichnungen Brambrilla 2015 / Daniela und Isabella Cianciarulo